Gesellschaft
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Die Faszination des Bösen

Die verschlossene Tür eines Gerichtsaals, daneben ein Lichtschalter. Wie leicht lässt sich ein Leben ausschalten, wie leicht wird vergessen, was hinter verschlossenen Türen stattfindet. Schon seit Mai 2013 laufen hinter dieser Tür im Oberlandesgericht München die Prozesse zur Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), schleppen sich ewig fort, tagein tagaus, die Verteidiger von Beate Zschäpe setzen auf Verzögerung. Die Opfer geraten in Vergessenheit und im Vordergrund ist der Prozess, sind die Täter.

Die Fotografien der Ausstellung „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ erstrecken sich über zwei überschaubare Räume, ordentlich nebeneinander aufgereiht. Sie könnten in einem Polizeibüro aus einem Fernsehkrimi aufgehängt sein; keine aufwendige Rahmung, einfache Drucke in Schwarzweiß. Sie zeigen weder Opfer noch Täter. Die Grenzen zwischen den Tatorten sind verwischt, oft ist nicht klar, welche Fotografien mit welchem Opfer in Verbindung stehen. So scheint es hier nicht um die Individuen zu gehen und die Fotografien wecken wenig Empathie für die Ermordeten.

Eher denkt man an die Täter und rätselt wie ein „Tatort“-Kommissar über einzelne Motive: Ein Bild zeigt ein Wohnmobil – die NSU-Täter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nahmen sich in einem Wohnmobil das Leben, und bis heute gibt es zahlreiche Ungereimtheiten um den Selbstmord. Auf einigen Bildern sind Fahrräder zu sehen. Die Täter fuhren zu mehreren Tatorten mit dem Fahrrad. Von Bild zu Bild scheint das Geheimnis anzuwachsen, das die Taten des NSU bis heute und bis in den Münchner Gerichtssaal hinein mit einer finsteren Aura umgibt. Nicht umsonst beschäftigt Beate Zschäpe mit jedem Auftritt die kollektive Fantasie: Schon immer ging vom Bösen eine starke Faszination auf den Menschen aus, und die Frage, was aus Menschen Mörder macht, treibt uns um.

In ihrer Ausstellung geht es der in Berlin und München lebenden Fotokünstlerin Regina Schmeken laut Pressetext „um das Gedenken an die Ermordeten“. Doch scheinen auch ihre Fotografien eher die Täter in den Mittelpunkt zu stellen, indem sie die Faszination, die vom Bösen ausgeht, reproduzieren. In ihren kontrastscharfen Schwarz-Weiß-Fotografien finden sich immer wieder Analogien zur faschistischen Gewalt-Ästhetik. Scharfe Kanten und spitze Winkel, die an ein Hakenkreuz erinnern, an den Monumentalstil der Architektur Albert Speers und der Filme Leni Riefenstahls. Eine Fotografie zeigt ein Gebäude von unten, der Dachfirst ragt spitz und raumeinnehmend in den Himmel und wirkt sofort einschüchternd, auf einem weiteren Bild ist überwiegend harter Steinboden zu sehen und immer wieder tauchen Bäume auf, im Hintergrund oder in Spiegelungen. Boden und Bäume verweisen auf Symbole national-völkischer Identität, im Titel der Ausstellung klingt bewusst die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten an.

Das macht die Ausstellung stark – und gleichzeitig defizitär. Am Ende bleiben die Ermordeten im Hintergrund und die Ausstellung reiht sich zwischen die vielen Dokumentationen, Spielfilme und Theaterstücke ein, die sich mit den Tätern des NSU beschäftigen. Die Opfer bleiben gesichtslos.

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