Gesellschaft
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Blutige Vergangenheit. Blutige Leere.

Es ist kalt. Obwohl der Raum gut beheizt ist in diesen grauen Herbsttagen sucht man vergebens nach einer Quelle der Wärme und Geborgenheit. Regina Schmekens Ausstellung „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ präsentiert eine Reihe an Fotografien, die sich rund um die Anschlagsorte der zehn vom NSU ermordeten Menschen drehen.

Die Präsentation ist so düster, wie das Thema selbst. Es braucht Zeit, um sich an die dunkle Atmosphäre zu gewöhnen. Es braucht Zeit zu begreifen, dass jeder Tatort mit drei Bildern der Reihe nach dargestellt ist. Es braucht Zeit zu begreifen, warum gleich am Anfang eine Fotografie einer Tür hängt, die sich von dem restlichen Erscheinungsbild des Raumes völlig trennt. Zu viel Zeit. Zuletzt braucht es Fantasie, sehr viel Fantasie, um sich die grauenhaften Taten vorzustellen, die genau dort stattfanden. Schmeken überlässt hier viel Spielraum für Interpretation, Gefühl und Gedanken und bietet eine nahezu perfekte Darstellung des Minimalismus. Schnurgerade sind die randlosen Fotografien an den Wänden angebracht, die perfektionistische Beleuchtung zeichnet eine klare Linie über den Wänden. Sie erhellt den Saal deutlich und hinterlässt doch so viel Dunkelheit. Kaum war es für das Auge so schwer mit Kontrasten umzugehen. Man könnte meinen, bei den Schwarz-Weiß-Fotografien, angebracht an dunkelgrauen Wänden, sei einem die Farbe gestohlen worden. Vielleicht ist dies der klare Sinn, der Sinn beziehungsweise der nicht vorhandene Sinn des Stehlens – des Tötens. Blutiger Boden. Ausgerechnet der Boden der Galerie zeigt sich in einem schon fast ins rötlich gehende Dunkelbraun.

Die Werke sind über zwei Räume aufgeteilt und gehen nahtlos ineinander über. Die drei Fotografien, die jeweils einen Tatort zeigen, gehen teilweise ebenfalls nahtlos ineinander über, man könnte sogar meinen, es sei eine Breitbildaufnahme. Andere Bilder wirken schon fast fremd zueinander und man muss auf Details achten, um den Zusammenhang wiederzuerkennen. Zum Teil zeigen sie die künstlerische Art eine Fotografie zu erstellen mit besonderer Achtung auf Schärfepunkte und ungewohnte Blickwinkel, zum anderen Teil wiederspiegeln sie eine einfache Momentaufnahme, wie sie das bloße Auge einfangen könnte. Ein wichtiges Detail streut sich allerdings über fast alle Werke, der Boden ist nass oder es wirkt feucht. Blutiger Boden. Durch die fehlende Farbe lässt sich nicht klar definieren, was diese Feuchtigkeit auslöst.

Plötzlich bricht die Perfektion im zweiten Raum der Ausstellung auseinander. Elemente des Bildes wirken unscharf, Autokennzeichen sind inkonsistent zensiert und eine Reihe der drei Bilder eines Tatortes wird durch den fehlenden Platz einer Wand auseinandergerissen. Hektische Kopfbewegungen ergeben sich durch den Versuch, die zwei Bilder auf der einen und das dritte Bild auf der anderen Wand gedanklich zusammenzufinden. Als Betrachter der Ausstellung fühlt man sich in dem Raum eher verloren und überfordert, besonders, da alle vier Wände mit Fotografien versehen sind, wobei im ersten Raum es nur zwei sind. Die Konzentration lässt beeindruckend schnell nach.

Zum Schluss erscheint der Gang zum Ausgang durch den ersten Raum, wie ein Zeitsprung. Die Gefühle und Emotionen, die beim Betrachten der ersten Fotografien durch den Körper zogen, kommen wieder auf. Mit wesentlich klarerem Kopf lässt es sich durch den Raum gehen, zurück zum Anfangspunkt: Dem Bild mit der Tür. Es ist die Tür zum Gerichtssaal indem Beate Zschäpe die Taten des NSU vorgeworfen werden. Selten ließ sich eine einfache Tür mit einer solchen Zufriedenheit betrachten. Selten war ein anfangs verwirrter, unklarer Gedanke so klar. Blutiger Boden. Die Gerechtigkeit wird siegen – Und das alles hinter einer einfachen weißen Tür.

Foto: Hatje Cantz Verlag

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