Gesellschaft
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Nun aber mal zur Scheißkultur!

Deutsche Klos sind für die Flüchtlinge problematisch. Oh weh. Aber Multikulti-Klos sollen Abhilfe schaffen. Oh wie schön! Nur sind die eigentlichen Probleme damit schon aus der Welt? Was sagen Sie, Michael Foucault?

Andere Länder, andere Sitten, auch auf den Toiletten! Sicher gibt es viele Arten Klos auf der Welt. Man macht eine Reise, sieht ein ungewöhnliches Klo, meckert zuerst, macht dann vielleicht Spaß darüber – was für Schwierigkeiten hat man in einem fremden Land!
Aber jetzt geht es ja nicht um die Welt da draußen. Jetzt ist die Welt zu Gast bei Freunden. Also müssen erst einmal die einheimischen Klo-Sitten genau geklärt werden. Denn die „Flüchtlinge“ haben angeblich die deutschen Klos (noch) nicht richtig kapiert.

Gib mir mein Klo zurück!

So entnimmt man es einer Reihe von jüngeren Zeitungsartikeln. Der Zustand der Toiletten in den Erstaufnahmeeinrichtungen in Deutschland sei schlimm, wird dort berichtet. Anscheinend wurden nicht nur die Toiletten, sondern die gesamten Sanitäranlagen missverstanden. Es werde allgemein zu viel gehockt – und oft auch an falscher Stelle. Und obendrein werde zu wenig das für jedweden Unrat vorgesehene Loch getroffen. Das niedersächsische Landesgesundheitsamt habe bereits mit einer Serie von  Piktogrammen reagiert, die elementare Wahrheiten bildlich an den Mann oder die Frau, in jedem Fall an „die Flüchtlinge“ bringen: Nicht auf dem Klo hocken! Keine Notdurft unter der Dusche! Die Füße nicht ins Waschbecken legen! usw.

Aber nicht, dass man glaubt, Deutschland könne wieder nur Verbotskultur. Die Innovation ließ nicht lange auf sich warten. Eine Firma mit Sitz in Sachsen-Anhalt hat gemeinsam mit der Technischen Universität Hamburg-Harburg eine Kombination aus dem sogenannten orientalistischen Hock-Klo und dem westlichen Sitz-Klo entwickelt: ein nagelneues Fabrikat, das man stolz das „Multikulti-Klo“ nennt.

In der Hocke

Nichts gegen die verdienstvolle sanitäre Ingenieursleistung. Komisch ist lediglich der Zungenschlag, der das „Mulitkulti-Klo“ in der Berichterstattung begleitet. „Deutsche Toiletten sind für viele Flüchtlinge ein Rätsel“, verkündete die FAZ. „Manche Nutzer hockten sich vor oder auf die Toilette und wüssten nicht, wie sie diese sauber machen können“, wird Toilettenhersteller Peter Fliegenschmidt in der taz zitiert. Und die FAZ hat noch ein paar unappetitliche Details parat: „Viele Flüchtlinge, vor allem die aus ärmeren Schichten, die von zu Hause nur die Latrine kennen, haben die Toiletten zwar als solche benutzt, aber durchaus nicht so, wie es eigentlich gedacht ist. Sie stellten sich auf die Toilettenschüssel, die eigentlich zum Sitzen da ist, und waren dabei oft genug nicht gerade treffsicher. Oder sie verrichteten ihr Geschäft irgendwo in dem Häuschen, nur nicht in dem dafür vorgesehenen Loch. Auch Duschanlagen wurden diesbezüglich missverstanden. Dazu kommt noch, dass viele der muslimischen Flüchtlinge nicht die Nutzung von Toilettenpapier kennen.“

Obwohl in den Artikeln durchaus erwähnt wird, dass die anderen Angewohnheiten der Menschen „gar nicht abwegig“ sind, wird hier munter eine „binären Oppositionen“ reproduziert, die womöglich ein viel tieferes Problem herstellt. Tiefer noch als Harnröhre und Enddarm. Die binäre Opposition „West“ oder „das Westliche“ gegen  „Ost“ oder „das Östliche“, die hier am Beispiel der Klokultur installiert wird, ist keineswegs wertneutral. Vielmehr operiert sie im Sinne Michel Foucaults mit Machteffekten. Der Pol „Ost“ wird vom dominanten Diskurs „West“ aus stigmatisiert und abgewertet. Als „Realität“ und „Normalität“ erscheint dann nur das, was der dominante Diskurs erzeugt und strukturiert hat. Mit dem Pol „West“ gehen im eurozentrischen Diskurs entsprechende Begriffe wie Zivilisation, Industrie, Vernunft, Kultur, Sicherheit und eben „das Normale“ einher, während das Gegenteil für Barbarei, Spiritualität, Lust, Natur, Angst und das Anomale steht.

Der eurozentristische Diskurs und seine Facebook-Freunde

In einem solchen Diskurs wird ein pauschalisierendes, degradierendes, rundum bescheuertes Image von „dem Flüchtling“ in der Öffentlichkeit aufgebaut, als ob „Flüchtlinge“ ein paar barbarische, seltsame Leute wären, denen der zivilisierte Europäer mit primitiven Piktogrammen ein wenig auf die Sprünge helfen muss, im Dienste der „reinen“ Lehre: wie man im Mitteleuropa Pipi macht!

Kein Wunder, dass ein solcher Diskurs zu entsprechend gepolten Reaktionen einlädt. Einer der Kommentare auf der FAZ-Facebook-Seite, der kurz nach der Veröffentlichung des Artikels etwa 900 „Likes“ gesammelt hatte und dann gelöscht wurde, lautete: „Na komm! Jetzt sollen wir unsere Scheißkultur ändern oder sollen wir Scheißkultur-Integrationskurse anbieten?“

Selbstverständlich gibt es immer wieder solche Kommentare und niemand erwartet was von den Leuten, die sie abgeben. Aber man erwartet von denjenigen, die den öffentlichen Diskurs journalistisch prägen und sich für die Menschlichkeit in und am Sanitärtrakt interessieren, dass sie in einer aktuell ohnehin problematischen Diskussionslage nicht auch noch „den Flüchtling“ als abnormes Subjekt beisteuern. In der Begegnung von Kulturen gibt es immer erst einmal den frischen Abgleich von Angewohnheiten und Sitten, die für die eine oder andere Seite unangenehm sind. Aber wer macht daraus eine große Sache? „Die Flüchtlinge“ oder die Berichterstatter?

 

Bild: Metropolico.org / flickr

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