Gesellschaft, Medien
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Gelassener Widerstand

Die Hintergründe des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt waren noch unklar, da instrumentalisierte die politische Rechte bereits den Vorfall.  Zuletzt konnte man diesen Reflex im Fall Freiburg beobachten. Beiden Städten hilft angesichts der rechten Apokalypsen-Rhetorik ihre Gelassenheit.

Es ist der 19. Dezember 2016, gegen neun Uhr abends – ich sitze im Zug zwischen meiner neuen Heimat Berlin und meiner alten Heimat Freiburg. Wie bei den meisten geht es über Weihnachten nach Hause. Das Abteil ist gut gefüllt, Menschen mümmeln an Keksen, lesen, dösen. Ich starre nach draußen, es ist schon dunkel, und gehe in Gedanken die Liste der noch zu besorgenden Weihnachtsgeschenke durch.

Auf halber Strecke zwischen Berlin und Freiburg starren auf einmal vermehrt Leute auf ihr Handy-Display, wirken irritiert. Ich klicke die Musik weg und lese die Push-Nachricht: Ein LKW rast in einen Berliner Weihnachtsmarkt.
Es vergehen einige Minuten bis hier und da Telefone der Berliner Zuggäste klingeln.
Freunde und Verwandte rufen an, man informiert sich gegenseitig wer wo ist, klärt ab, dass es allen gut geht. Niemand ist hysterisch, aber alle spürbar beunruhigt. Über rasch eingerichtete Live-Blogs lässt sich das Geschehen wegen der schlechten Internetverbindung mehr oder minder gut verfolgen: 21:09 Uhr Lkw fährt auf Weihnachtsmarkt Breitscheidplatz; 21:11 Uhr Polizei vermutet Anschlag; 21:12 Uhr Bisher neun Tote; 21:26 Uhr Tat erinnert an Anschlag in Nizza Juli 2016.
Mehr erfährt man erst mal nicht, das Handynetz bricht immer wieder zusammen. Es spricht noch immer niemand, dabei denken vermutlich viele dasselbe: Bitte lass es kein Terroranschlag sein.

Nach und nach entstehen murmelnde Gespräche, die vornehmlich um die Befürchtung vor Zweierlei kreisen: Die berechtigte Angst vor islamistischem Terror in Deutschland und die tiefer werdende Spaltung der Gesellschaft im Zuge der Flüchtlingsdebatte. Die Stimmung ist eine Mischung aus betont ruhig und zutiefst ratlos.

Erwartbare Reaktionen von rechts

Gegen Mitternacht erreicht der Zug Freiburg. Zu dieser Stunde weiß man in Berlin von mindestens neun Toten und 45 teils schwer Verletzten. Innenminister de Maizière spricht von einem Anschlag, ein Tatverdächtiger ist wohl gefasst, über die Nationalität herrscht Unklarheit. Man weiß überhaupt noch nichts Genaues. Trotzdem wird in den sozialen Netzwerken bereits kräftig gehetzt: Der AfD-Landesvorsitzende Nordrhein-Westfalens Marcus Pretzell twitterte nur einer Stunde später gewohnt geschmacklos, die Toten des Breitscheidplatzes seien auch Merkels Tote. Seine Lebensgefährtin und AfD-Parteichefin Frauke Petry schreibt auf Facebook im Ton des bevorstehenden Untergangs davon, dass der radikalislamische Terror mitten in Deutschland zugeschlagen habe.

Ganz so drastisch sieht es CSU-Mann Horst Seehofer am nächsten Morgen bei seinem Statement nicht, lässt aber dennoch ohne konkreten Anhaltspunkt auf den Täterhintergrund die Forderung nach der Neujustierung der Flüchtlingspolitik verlauten. Das sei man Opfern sowie Angehörigen schuldig.
Insgesamt ist der Tenor klar: Die Politik der offenen Grenzen, über die kriminelle Geflüchtete ins Land kommen, ist eine Gefahr für die deutsche Gesellschaft. Man kennt diese Erzählung bereits zu Genüge. Es sind dieselben Argumente, dieselben Forderungen wie man sie in den letzten Wochen im Zusammenhang mit Freiburg gehört hat. Hier hatte Anfang Dezember der Lage der Dinge nach ein 17-jähriger Geflüchteter eine 19-jährige Medizinstudentin vergewaltigt und ermordet. Der Vorfall ging durch die Medien und wurde rasch von Rechtspopulisten aufgegriffen. Die Botschaft war dieselbe, wie sie es in der Nacht von Berlin ist: Die liberale Politik hat versagt. Was passiert ist, ist die Quittung für die sogenannte Willkommenskultur.

Zwei Städte zeigen Haltung

Natürlich geht es hier um zwei unterschiedliche Fälle. Ein terroristischer Akt, um den es sich im Falle Berlins dem aktuellen Stand nach wohl handelt, hat eine andere Bedeutung für die Gesellschaft als der Mord an einer Einzelperson. Zumal die Tat in Freiburg wohl weder im Vorhinein geplant war, noch hatte der mutmaßliche Täter die Absicht eine öffentlich wirksame Botschaft zu senden, die bundesweit Verunsicherung und Angst schüren sollte. Missbraucht werden jedenfalls beide Geschehnisse, um ein bestimmtes Narrativ aufzubauschen: Jeder Geflüchtete ist eine potentielle Gefahr und sollte schnellstmöglich abgeschoben werden. Hinter all dem steht das Kalkül einer Partei die hofft aus der Angst vor dem Fremden Kapital zu schlagen und ihre politischen Interessen durchzusetzen.

Ich habe seit dem Mord in meiner Heimatstadt Freiburg vom neuen Zuhause Berlin aus verfolgt, wie man in Freiburg auf diese Tendenz reagierte und eine klare Position bezog: Was geschehen ist, ist die Taten eines Einzelnen, eine Pauschalisierung ist weder fair noch zielführend.
Und nun darf ich von Freiburg aus feststellen, dass auch die Berliner sich drei Tage nach der Tat überwiegend  gelassen und widerstandsfähig zeigen. Hysterie und Frontbildung bleiben bisher größtenteils aus. Beide Städte, die alte und die neue Heimat, machen mir Hoffnung, dass ihre Bürger auch in Zukunft zusammen und gegen Hetze und Angst stehen.

Foto: Berlin. von Holger Schinköthe unter CC BY-NC-ND 2.0

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