Gesellschaft
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Der Klomann

In der Markthalle Neun macht ein Mann sein Geschäft mit dem Geschäft – und etabliert sich damit als wahrscheinlich beliebtester Klomann Berlins.

Gleich neben dem Fotoautomaten, wo sich immer wieder Gruppen in die enge Kabine pressen, steht die Front einer grünen Straßenbahn aus DDR-Zeiten: das Reich eines Unternehmers, der aus der Not der Besucher ein Konzept entwickelt und aus einem schlichten Namen einen Begriff gemacht hat. An gut besuchten Tagen bildet sich hier schnell eine Schlange, hört man regelmäßig das Klimpern von Münzen, das muntere Schwatzen der Anstehenden. Heute jedoch ist es eher ruhig in der Markthalle Neun. Patrick Kopplin ist hier „Der Klomann“.

Toiletten-Flatrate des Klomanns. (Design: solypse.tumblr.com)

Toiletten-Flatrate des Klomanns. (Design: solypse.tumblr.com)

„Klomann“, das stehe so auch auf seinem Gewerbeschein, bemerkt Kopplin mit einem leichten Lächeln. Seit Februar diesen Jahres betreibt der 35-Jährige in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg das Reinigungsunternehmen „Der Klomann“ – eine Bezeichnung, gradlinig und direkt wie ihr Namensgeber. Zur Arbeit trägt er einen weißen Schutzanzug und Gummistiefel, ruft, in seinem Kassenhäuschen stehend, den Toilettengängern ein fröhliches „zweite Tür rechts, der Herr“ oder „brauchste ’n Wickelraum?“ zu. Nebenbei verkauft Kopplin in seinem angrenzenden Shop ökologische Wasch- und Reinigungsmittel sowie Dinge des täglichen Bedarfs: Zahnbürsten, Tampons, Rasierer – und selbstverständlich Klopapier. Der Klomann reagiert auf die Nachfrage der Anwohner. Drogeriemärkte sind aus der Umgebung fast vollständig verschwunden.

Pausenlose Suche nach Abenteuern

Als Kind wollte Kopplin immer Koch werden. „Das ist am Ende wahrscheinlich das einzige, was ich nicht gemacht habe“, scherzt er. Kopplin wollte sich nie festlegen, jobbte bei einem Callcenter und einer Fluggesellschaft, war LKW-Fahrer und arbeitete in der Gastronomie, in Spanien, in Österreich. Er habe schon immer das Abenteuer gesucht, konstatiert er. Auch der „Klomann“ ist ein solches Abenteuer. 2013 noch selbst Inhaber eines Standes in der Markthalle Neun, störte er sich immer wieder an der Situation auf den Toiletten. Heruntergekommen, dreckig und teils stark beschädigt, beschloss Kopplin, diesen Umstand zu ändern. Drei Monate lang renovierte er, investierte Zeit und Geld in die Umgestaltung der Räume, fast ohne Hilfe. Heute ist der “Klomann” wirtschaftlich rentabel. Dafür ist der Betreiber jedoch nahezu jeden Tag in der Markthalle, arbeitet oft länger als zehn Stunden und nimmt sich nur selten eine Aushilfe.

Der hohe Zeitaufwand scheint Kopplin kaum zu stören. Vielmehr erzählt er von den schönen Momenten, von den Menschen, die er täglich kennenlernt, den anderen Händlern, die für ihn wie eine große Familie sind, und von Obdachlosen, die für ihren Toilettengang immer bezahlen und denen er das Geld gleich wieder in die Hand drückt. Am Kassenhäuschen hängen unzählige Fotostreifen aus dem Fotoautomaten. Viele Besucher haben sich hier gemeinsam mit dem Klomann verewigt. Angefangen habe das mit einem vergessenen Streifen, erinnert sich Kopplin, dann habe sich das wie von selbst entwickelt. Auf Facebook hält er seine stetig wachsende Fangemeinde über den “Klomann” und seine WCs auf dem Laufenden. Auch Prominente haben Kopplins stilles Örtchen schon besucht. Im April war Gregor Gysi zu Gast und auch diverse “Tatort”-Kommissare sollen hier bereits ihre Notdurft verrichtet haben. „Aufs Klo gehn se alle“, schließt der Klomann.

Kopplin will zukünftig den „Klomann“ noch weiter ausbauen, öfter auf Messen und Veranstaltungen arbeiten und seine Firma bekannter machen. Wie lange er das Projekt noch verfolgen möchte, wann ihn seine Abenteuerlust erneut überfällt, das weiß er noch nicht. „Ich muss die Sache für mich erst mal rund machen“, bemerkt Kopplin, „da ist noch viel zu tun.“ Und solange bleibt er der Markthalle wohl auch noch erhalten.

Foto: Ann-Kathrin Liedtke

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