Gesellschaft
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Gesittete Narrenfreiheit

“Narrenfreiheit” in der Schweiz: was die Basler Fasnacht mit der Schweizer Außenpolitik zu tun hat.

Karneval, Fasching, Fasnacht. In der Schweiz herrscht lebhafter Trubel in den Straßen. Nicht aber in Basel, noch nicht. Denn die Basler brauchen immer etwas länger mit ihrer Fasnachtsvorbereitung. In einer Woche nimmt dann auch im Dreiländereck das närrische Treiben seinen Lauf. Es wird jedoch keine Prinzen und geschminkte Clowns geben, keine Holzmasken und Blechposaunen, stattdessen Regeln, geordnete Spaziergänge und Kabarettauftritte. Unter dem Deckmantel der Narrenfreiheit ist zwar so einiges erlaubt, die Basler bewahren dabei jedoch Anstand und Ansehen.

Der Narr, ein dummer Spaßvogel, diente im Mittelalter zur Unterhaltung des Hofadels. Als gottesabgewandter, törichter und nicht würdiger Mensch waren ihm alle Freiheiten gegeben: Er durfte spotten, die Obrigkeit parodieren, Schabernack treiben. So ähnlich geht es heute auch an der Fasnacht zu und her. Neben der klassischen Narrenfigur, dem Ueli – ein Mann in farbigem Kostüm, dessen Zipfelmütze mit Schellen geschmückt ist – sorgt  in Basel auch der Waggis für Aufsehen. Der Elsässer Tagelöhner mit seiner roten Weinnase rennt durch die Gassen, stopft den Leuten Konfetti in die Jacke und reißt Witze. Parodie und Satire werden an der Basler Fasnacht großgeschrieben. In Versen und Karikaturen wird über gesellschaftliche Ereignisse aus dem vergangenen Jahr hergezogen. Ob Politiker, Fußballverband, Modetrend oder Kleinkrimineller; nichts ist vor dem fasnächtlichen Gespött sicher. Während die Gemüter brodeln, bleibt das Gesamterscheinungsbild der Stadt stets regelkonform. Alles glänzt in voller Farbenpracht.

Da stehen in einer Kneipe zwei verkleidete Vögel mit Masken, respektive Larven, und trällern in Gitarrenbegleitung ihre Verse. Draußen auf dem Münsterplatz leuchten in der Dunkelheit die aufgereihten Laternen der Fasnachtsgesellschaften, kurz Cliquen genannt. Ihre malerischen Kunstwerke zeigen Karikaturen der jeweiligen Satirethemen, sei es nun Harry Potter, Berlusconi oder wieder einmal die Schweizerische Volkspartei. Und dann gibt es da noch das übergreifende Motto, beziehungsweise Sujet. Es ist auf kleinen ansteckbaren Plaketten zu sehen, mit denen Nicht-Fasnächtler zumindest als Gönner auftreten können. Verkleiden dürfen sie sich nicht.

„Gäll, blyb suuber“, heißt die Aufforderung des diesjährigen Sujets der Basler Fasnacht. „Bleib sauber!“ Die Stadt hat mit Vermüllung im öffentlichen Raum sowie unsauberen Geschäften in Politik und Wirtschaft zu kämpfen. Ordnung und Sauberkeit in allen Bereichen, das wünschen sich Herr und Frau Schweizer. Seit kurzem ist dieser Wunsch nun auch sehr klar nach außen gedrungen. Ins Ausland. Man fürchtet sich vor zu wenig Wohnraum und fehlenden Arbeitsplätzen, vor überfüllten Zügen, ja vor gesellschaftlichem Chaos. Aus diesem Grund soll nun die Zuwanderung beschränkt werden, gleichsam Quoten für Ausländer. Wie bitte? Das, meine Damen und Herren, nennt sich Narrenfreiheit auf politischer Bühne. Das unbedachte Geschnatter und Geläster der Schweizerischen Volkspartei schürt kleinbürgerliche Existenzängste der Bevölkerung. Mein Heim und mein Garten, meine Arbeit, meine heile Welt! Bei dieser Angstmacherei wäre einem doch lieber, man würde die subtilen und gesitteten Botschaften der Basler Fasnacht etwas ernster nehmen. Denn Pascal Kottmann, der Urheber des diesjährigen Sujets, weist auf das eigentliche Kernthema hin: „Die Menschen sollen sich gegenseitig helfen und zueinander Sorge tragen“, sagt er im Interview mit der Zeitung Tageswoche. So phrasenhaft dieser Satz klingen mag, steht er doch sinnbildlich für die Befindlichkeit vieler Schweizerinnen und Schweizern. An Demonstrationsumzügen forderten sie denn auch internationale Solidarität – ganz ernsthaft, ohne Masken.

 

 

Beitragsbild: Christoph Kummer, Quelle: Flickr
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