Gesellschaft
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„Bitte seid leise und benehmt Euch!“

Pubcrawls gehören in anderen Städten Europas bereits zum Nachtleben. In Berlin sind sie relativ neu. Gegner gibt´s aber schon. Alissa Scheunemann hat einen mitgemacht.

Seit einigen Jahren muss sich Berlin mit einem neuen Phänomen herumschlagen: Marodierende, besoffene Touristenhorden ziehen lauthals durch die Szeneviertel und verwandeln einst beschauliche Kieze in 08/15 Saufmeilen a la Schinkenstraße. Der Simon-Dach-Straße ergeht es so, auch der Oranienstraße. Viele dieser Sauftouren sind von Agenturen organisiert. Feierwütige, die sich vorher noch nie gesehen haben, ziehen, betreut von einem Guide und Gratis-Schnaps, durch die Bars. „Pubcrawl“ nennt sich diese, für Berliner Ohren und Augen merkwürdig anmutende, Szenerie.

In Berlin und im Krieg heißt es „Kenne deinen Feind“. Die Konsequenz: Selber einen Pubcrawl mitmachen. Aber nicht so eine Monster-Tour, sondern den „Alternative Pubcrawl“. Der verspricht Undergroundfeeling. „Unser Pubcrawl unterscheidet sich sehr von den anderen. Wir gehen nicht zu den Touri-Hotspots, wo sich eine Happy-Hour Cocktailbar an die andere reiht, sondern in Gegenden, die eben nicht in den Reiseführern stehen“, erzählt Danni, Leiterin und eine der Guides. „Wir wollen den Touristen die Möglichkeit geben, in verschiedene Szenen einzutauchen und ihnen Bars zeigen, die sie so nicht finden würden. Außerdem lernen sie nette neue Leute kennen.“

Zwischen Kitsch und Hippie-Romantik

An einem Freitag ist es soweit. Die Teilnehmer treffen sich am Senefelder Platz in der noch leeren Yesterday Bar. Einem kleinen, plüschig-kitschig eingerichteten Lokal mit niedriger Decke, Sonnenblumen und Marienkäfern an der Wand und einem elektronischen Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Tisch. 50er und 60er Jahre Musik plätschert aus den Boxen. Die Bar liegt passenderweise gegenüber von einem Hostel und ist die erste Station des Alternative Pubcrawls. Es füllt sich, es gibt den ersten Schnaps. Das Kennenlernen fällt leichter. Es wird lauter und voller. Wildes Durcheinandergerede „Wo kommst Du her? Wie gefällt Dir Berlin? Warst Du schon im Berghain?“ Rund 40 Leute sind gekommen. Die Gruppe wird später geteilt. “Wir haben ein Limit von maximal 60 Teilnehmern, sodass die Gruppen nicht größer als 20 Personen werden”, erklärt Debbie. Ein Berliner ist nicht dabei. Wenn welche dabei sind, dann nur, um Touristinnen aufzureißen, verrät Danni und lacht.

Yesterday Bar

Flower Power in Reinkultur: Die Yesterday Bar in Prenzlauer Berg

In der Yesterday Bar treffe ich Marion und Thorsten*, sogenannte Ur-Berliner in ihrer Stammkneipe. „Früher war das hier ´ne echt coole Bar. Man wusste, dass man einfach gemütlich ein Bier trinken konnte.“ Besonders erfreut über die vielen Leute hier scheinen sie nicht zu sein. „Überall sind jetzt die Touristen. Man hört nur noch Spanisch oder Englisch in den Kneipen. Früher war das schon besser, als man das alles noch für sich hatte. Das hat sich sehr verändert.“ Die beiden sind erleichtert, als die Gruppe endlich loszieht. Es ist wieder ruhig in der Yesterday Bar.

Draußen gibt es erstmal die obligatorischen Sicherheitshinweise von den Guides Debbie und Lukas: Nicht über rote Ampeln gehen, die Gruppe nicht verlassen, nicht gröhlen und so weiter. Es erinnert ein wenig an Michael Palin in „Das Leben des Brian“, der die Kreuzigungsgruppe auffordert, doch bitte ein schönes Bild auf dem Weg durch die Stadt abzugeben. Die meisten hören nicht zu. Es regnet und ist kalt. Die Karawane zieht weiter, sie hat Durst. Es geht in die Gothic-Bar „Last Cathedral“.

Im Kopf von Marilyn Manson

Der Pubcrawl – zu deutsch „Kneipen-Kriechen“ – ist eine irische Tradition. In Gruppen, meistens Studenten, zieht man durch Kneipen und Bars, trinkt in jeder ein Bier, zieht weiter und ist am Ende stark betrunken. Das Wort „crawl“ bezieht sich nicht umsonst auf den Zustand der Teilnehmer zum Ende der Tour. „Die typischen Pubcrawl-Städte sind Amsterdam, Prag und Barcelona“, weiß Danni.

Das „Last Cathedral“ scheint auf den ersten Blick genau so, wie man sich eine Gothic-Bar vorstellt. Zwei Totenköpfe empfangen den Gast. Debbie und Lukas müssen erst fragen, ob wir rein dürfen. „Die Bars setzen uns schon Restriktionen. Zum Beispiel mit wievielen oder bis wann wir kommen dürfen. So ab 12 Uhr wird es dann einfach zu voll. Das ist jeden Tag ´ne neue Verhandlungssache“,erklärt Danni.

Im "Last Cathedral" ist immer Halloween

Im “Last Cathedral” ist immer Halloween

Wir dürfen rein. Auch auf den zweiten Blick ist der Laden ein typischer Gothic-Treffpunkt, einem düsteren Kerkerverlies nachempfunden. Eine steile, schwach beleuchtete Wendeltreppe führt nach unten. Von der Decke und an der Wand hängen Käfige mit Skeletten. Totenköpfe, Fledermäuse und Dämonen blicken einen von allen Seiten an. Es ist dunkel und laut. Wir werden keines Blickes gewürdigt. Will man lieber unter sich bleiben? „Nee, das stört mich überhaupt nicht. Ist doch schön, wenn die hier sind“, sagt Jessica*. Sie trägt rote Kontaktlinsen und schwarzen Lippenstift. Auch andere Gäste, die ich frage, haben kein Problem mit den Kurzzeit-Besuchern. Man unterhält sich trotzdem nicht.

Pubcrawls haben einen schlechten Ruf. Sie bringen den Gastronomen wenig Geld ein: Die Leute bleiben eine halbe Stunde, trinken vielleicht ein Bier, warten auf ihren Gratis-Schnaps und sind wieder weg. Meistens hinterlassen sie ein Chaos auf den Toiletten oder benehmen sich daneben. So weit die Vorurteile. Inwieweit das zutrifft, wollte mir keiner der Barleute beantworten. Keine Antwort ist auch eine Antwort. „Ich glaube nicht, dass denen das viel bringt“, mutmaßt lediglich ein Türsteher. Auch Danni gibt zu: „Na klar gibt es auch mal Probleme. Viele werden laut und schreien, wenn sie besoffen sind und das müssen wir dann halt unterbinden. Schlägereien hatten wir aber noch nie.“ Vorurteile gegenüber Touristen gehören in Berlin inzwischen zum guten Ton. Der Alternative Pubcrawl will dies ändern: „Wir wollen den Hass gegen Touristen auch ein bisschen abbauen. Nicht jeder Tourist ist ein Arschloch. Wenn aber 20 davon mit dem gleichen T-Shirt besoffen über den Hackeschen Markt laufen, dann werden Vorurteile kreiert.“ Bis jetzt hat sich keiner daneben benommen.

Grüße von der grünen Fee

Es ist 22 Uhr, die Tanzfläche ist leer, der Gratis-Schnaps wurde runter gekippt, Zeit, weiter zu ziehen. Die Gruppe wird an der Danziger Straße geteilt. Das dauert etwas. Ein Hin-und Her wie im Kindergarten. „Das ist normal“ sagt Debbie, „das macht der Alkohol.“

Absinth wird traditionell mit brennendem Zucker zubereitet

Absinth wird traditionell mit brennendem Zucker zubereitet

Die nächste Haltestelle meiner Gruppe ist die Absinth-Bar „Druide“. Der Laden ist voll. Im Schein von Neon-Werbeschildern für mexikanisches Bier drängen sich die Leute an den ranzigen Holztischen. Die Gruppe zwängt sich trotzdem rein, hier gibt es endlich echtes Komasaufen. Alle trinken mindestens zwei 60-prozentige Grüne pur und auf Ex. Das Sprechen fällt den meisten Teilnehmern deutlich schwerer. Auch ich trinke einen kleinen Absinth. „Das ist ja so cool hier und so billig“ freuen sich die „Pubcrawler“. Der Barmann guckt genervt. Zeit zu gehen. Draußen gibt es nochmal Schnaps.

„Was machen wir denn als Nächstes?“ Daniele aus Italien will tanzen. Die drei stark geschminkten Mädels aus Spanien auch. Es geht in den „Dazzle Danzclub“ um die Ecke. Ganz in Rot gehalten, mit Kickertisch und speckiger Couch, schlauchartig verlaufend und – komplett leer präsentiert er sich. Alle gehen erstmal auf´s Klo. Stimmung will so recht nicht aufkommen. Ein paar Vereinzelte tanzen zum chartbekannten Indie-Pop – Daniele und die Spanierinnen nicht. „Wir gehen gleich noch in einen Techno-Club. „Brunnen 70“. Da wird es bestimmt besser.“ Debbie scheint langsam etwas ermattet. Wir haben uns auf eine Couch in der Ecke gelümmelt. Ob ihr der Job Spaß macht, will ich wissen. „Ja, auf jeden Fall. Man lernt so viele nette Leute kennen.“ Das habe ich heute schon mal gehört. Ob ich Spaß gehabt hätte, will sie wissen. Ja, hatte ich. Ich habe viele nette Leute kennengelernt und ein ganz neues Bild von Pubcrawls und Touristen bekommen. Ich bin müde und gehe nach Hause. Im Kopf pritzelt es etwas. Vermutlich vom Absinth.

* Namen von der Redaktion geändert

Titelfoto: Alissa Scheunemann

weitere Fotos: mit freundlicher Genehmigung von Alternative Berlin ©

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