Gesellschaft
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Berlin von unten

„Dunkle Welten“ führt aus dem heutigen Berlin-Tumult heraus und wirft uns zurück in den Zweiten Weltkrieg. Eine Zeitreise

Dämmernde Ecken, kalte Wände und düstrige Katakomben-Luft. Das Tor zur Aussenwelt ist nun verschlossen und man kann nur weiter in die Finsternis treten. Eine simple Tür rechts vor der U-Bahn Treppe zum Bahnhof Gesundbrunnen, sie wirkt wie der Kleiderschrank in den Narnia-Geschichten. Alles ist sehr still, nur U-Bahn Grollen ist manchmal zu hören. Die Gegenwart scheint wie weggeblasen, man fühlt sich wie die Leute damals in der Bunkeranlage. Nur Todesangst und fallende Bomben fehlen, selbstverständlich. Obwohl, wie sich später herausstellt, noch ganz vorbei ist die Bombgefahr nicht. Ahnungslos werden die fünfzehn Teilnehmer nicht in der Dämmerung stehen bleiben. Der Tourleiter mit Bauarbeiterweste und Moustasche bringt sie in die passende Stimmung. „Während des Zweiten Weltkrieges mussten hier 6000 Menschen eine Unterkunft finden.“ Gebaut wurde das Ganze für  weniger Personen.

Diese Räume, ursprünglich als Abfangbauwerk gedacht, gerieten für lange Zeit in Vergessenheit. Während des Krieges wurden sie in eine Schutzanlage umgebaut. „Zum Frauen-Abort“: Mit diesem Schild wurden die Toiletten gekennzeichnet. Wenn die voll waren, musste man sein Geschäft irgendwo in einer dunkle Ecke erledigen. Nach Draussen in den Bombenhagel und ins Feuerchaos zwang die Menschen nur der Mangel an frischer Luft. Um eventuelle giftige Dämpfe zu erkennen, erfanden die “Bewohner” ein Kerzen-System. Die Kerzen legte man erst auf dem Boden, dann auf die Bänke und so weiter. Wenn die Flamme schon auf Brusthöhe ausbrannte, mussten die Leute nach draussen. Im Tiefbunker unter dem Alexanderplatz war dies einmal der Fall – während die Bomben noch herabfielen.

Geschirr aus Gasmasken

Solche Geschichten hört man, wenn die Tour durch die Wohnräume führt. Sie muten wie in eine Höhle geschlagene Kasernenzimmer an. Keine Möbel, nur Etagenbetten, hier und da eine Bank an der Wand. Wenn der Bombenalaram losging, griff man nur das Nötigste. Einen Koffer vielleicht und schon flüchtete man in einen nächstgelegenen Bunker. Im Koffer befanden sich nur drei Sachen: Essen, Kleider und der obligatorische Ariernachweis. Wenn die Bomben flogen, gab es kein Rein oder Raus mehr. Die Leute waren es gewöhnt, in der ständigen Gefahr zu leben. Für Kinder gab es sogar ein Luftschutz-Brettspiel, den Erwachsenen blieben zur Unterhaltung kediglich  Broschüren. Die Stimmung in Räumen ist gruselig und melancholisch. Die Zeit, die wir zwar aus Filmen und Geschichtsbüchern kennen, aber nicht mehr nachvollziehen, geschweige denn verstehen können, wird hier auf bedrückende Weise wieder lebendig. Kleider von getöteten Juden sind genauso ausgestellt, wie damalige Waffen und Bombenreste.

  • Luftschutzanlage im U-Bahnhof Gesundbrunnen/Themenraum "U-Bahn-Linie D/U8", originale historische Bahnsteigbank und Stationsschild des U-Bahnhofs Gesundbrunnen

Am Ende wird irgendwie alles gut, wie immer im Leben. Aus der Finsternis zurückkommend, werden zum Ende der Tour weniger bedrückende Themen besprochen: Zum Beispiel die Trümmerfrauen.  Nach dem Krieg bastelten sie etwa Geschirr aus Gasmasken und schafften Wagenladungen an Beton und Steinen der zerbombten Häuser weg. Interessante Info nebenbei: Die ersten unterirdischen Räume Berlins waren Teil der kaiserlichen Brauereien. Eine separate Tour über das Kindl-Areal Neukölln kann ebenfalls gemacht werden. Der Führerbunker wurde durch sowjetische Pioniere zwar gesprengt, aber der Berliner Untergrund hält immer noch einige Atomschutzbunker, Mauerdurchbrüche und Geheimnisse bereit.

Die “Berliner Unterwelten” sind vielleicht nicht so bekannt wie die Pariser Katakomben, bieten aber für Interessierte genauso unvorhersehbare Abenteuerstrecken. Man sagt, dass Berlin schon immer Leute auf ihrer geistigen Wanderschaft aufgenommen hat. Durch diesen unterirdischen Rundgang wird klar warum: Die heutige Rausch-Stadt Berlin hat selbst so viel gelitten, das Suchende hier Verständnis und Raum für sich finden können. Berlin ist kein schäbiger haute couture Typ, der eigentlich genug Geld für Calvin Klein Unterwäsche und ein Smartphone hat und auch nicht der kotzende Partytourist vor´m Clubeingang. Wer dafür ein Auge hat, wird für sich eine neue Welt entdecken. Berlin ist, im wahrsten Sinn des Wortes, vielmehr als man auf Anhieb erkennen kann.

Fotos mit freundlicher Genehmigung von “Berliner Unterwelten e.V”

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