Gesellschaft
Schreibe einen Kommentar

Permanent provisorisch

Die Mauer am Ostkreuz ist mit Plakaten übersäht.

Das Gesicht der Eingangspforte zum Berliner Ostkreuz wechselt beinah täglich.

Wie ein totes Tier liegt ein dicker, aufgeweichter Haufen aufeinander geklebter Plakate auf dem Boden. Jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit fährt ein Fahrrad vor, Kleister und zusammengerollte Konzertankündigungen und auf dem Anhänger. Eine neue Schicht Papier wird über die alte tapeziert. Irgendwann gibt das instabile Konstrukt nach und bricht ab. Das Gesicht der Eingangspforte zum Berliner Ostkreuz wechselt beinah täglich.

Vorbei an den Papierleichen gilt es sich schnell zu entscheiden. Das gleißende Sonnenlicht, das sich einem plötzlich entgegen wirft, darf dabei nicht stören. Wähle ich den links liegenden, asphaltierten Gehweg, oder den breiteren, tief durchfugten Pflastersteinweg? Denn schon kurz nach der Entscheidung wird einem ein Wechsel an regnerischen Tagen unmöglich gemacht. Eine breite, undurchsichtige, trübgraue Pfütze erstreckt sich zwischen dem Gehweg und den Pflastersteinen. Unüberwindbar. Darin schwimmen verwaiste und verstoßene Kaffeebecher. Jetzt wo es friert, werden sie in den schlammigen Eispfützen konserviert. Am Ende der Woche kann ich ihre Lage wie ein Sternbild deuten.
Aus der Entfernung hallt es mir entgegen, das metallene Schnaufen der ewig langen Rolltreppe. Die Motorengeräusch der Bagger, die unter der alles umspannenden Brücke schaufeln, unterlegen das Ganze mit einem dunklen Bass. Das Ostkreuz ist nicht nur ein Ort, der aussieht, als wäre er permanent provisorisch, er ist auch ein merkwürdiger Nicht-Ort, der zwischen den Seilen zu hängen scheint.
Ich habe die Eingangspforte passiert, mit einem flüchtigen Blick auf die neuen Plakate. Wenn ich am Abend zurückkomme, werde ich mich nicht mehr erinnern, ob es dieselben sind wie am Morgen. Oder ob dieser Ort schon wieder klammheimlich sein Gesicht gewechselt hat.

Titelbild: Henni Kristin Wiedemann

FacebooktwitterFacebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.