Gesellschaft
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Von den Rändern in die Bildungsmitte

Die Nerds von gestern mit der Bildung von heute (Foto: Sarah Lehnert)

Schon immer veränderten sich Bildungsinhalte in einem ständigen Aushandlungsprozess vieler Interessengruppen. Dass dabei stets randständige Themen Einfluss nahmen, zeigt die Bildungsgeschichte

Muss man wissen, wann Schumann seine “Rheinische Sinfonie” schrieb? Oder ist es – um auf der Höhe der Zeit zu sein – nicht viel dringlicher, mit einem Begriff wie “Cloud-Computing” umgehen zu können?

Die Nerds von gestern mit der Bildung von heute (Foto: Sarah Lehnert)

Die Fragen sind Beispiele eines hohen Kulturgutes und eines technologischen, neuzeitlichen Spezialwissens, wie beispielsweise virtuelle Datenspeicherorte. Sie markieren exemplarische Punkte, zwischen denen sich heutige Bildungs- und Wissensdebatten bewegen. Geschlossen sind diese Debattenräume nie, betont Rita Nikolai, Juniorprofessorin für Systembezogene Schulforschung am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität Berlin. Vielmehr seien Bildungsrichtlinien das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses

zwischen den Bildungsministerien, den Lehrkräften, Eltern und der Wirtschaft. Sie spiegeln das heutige Verständnis von Bildung wider, das, so Nikolai, eher ein Netzwerk aus Kompromissen sei. Wie aber entstehen diese Richtlinien und wie werden neue Aspekte in das Bildungsverständnis aufgenommen?

Schule bildet den gemeinsamen Nenner einer Gesellschaft – als einzige allgemein verpflichtende Institution definiert sie die Mindeststandards des Wissens- und Bildungsniveaus einer Gesellschaft. Sie versucht ein ständig aktualisiertes kollektives Hintergrundwissen zu bieten, das unsere Gesellschaft beschreibt und zusammenhält. Dass dies in Bezug auf eine sich ändernde Gesellschaft ein immerwährender und nie abgeschlossener Prozess ist, wird deutlich, wenn man einen Blick in die Bildungsgeschichte wirft: Herrschte in den Siebzigerjahren noch die Vorstellung von der Schule als Vermittlerin der staatlichen Richtlinien, so wurde sie in den Neunzigerjahren als kulturelles und soziales Bindeglied wiederentdeckt. Es rückte, neben den vermittelten Inhalten, verstärkt das Erlernen von methodischem Wissen in den Mittelpunkt. Mehr denn je werden heute Methoden unterrichtet, wie man sich die heutige Welt erschließen kann – mit dem Ziel, sie zu erhalten oder zu verändern.

Neben den sozialen Kompetenzen, die in der Schule durch jahrgangsübergreifenden Unterricht, Einzel- und Gruppenarbeit gefördert werden, hat das Bewusstsein um den Stellenwert der neuen Medien Einzug in den Unterricht gehalten: Schon früh trainieren die Schüler virtuelle Fähigkeiten. Doch wer waren die Vorreiter dieser Entwicklung?

Heimcomputer, beispielsweise der Atari 400 oder der Commodore 64, waren Anfang der Achtzigerjahre eine der ersten programmierbaren Computersysteme, die Einzug in die privaten Haushalte hielten. Es waren vor allem junge, technisch versierte Menschen, die von den neuen Möglichkeiten fasziniert waren und in ihrer Freizeit Computerspiele spielten und Programme schrieben. Der Begriff “Computerkids” entstand: Er beschrieb Jugendliche, die am Heimcomputer Kenntnisse oder eine Art Anti-Bildung entwickelten, die das Wissensspektrum der eigenen Elterngeneration übertraf. In den Augen der besorgten Eltern und Pädagogen wurde das neue Medium, das die Kinder von ihren Hausaufgaben abhielt, als nutzlose Ablenkung betrachtet.

Heute jedoch ist eine Gesellschaft ohne das Internet und den Computer nicht mehr denkbar. Für die Schule bedeutete dies, dass das neue Medium in den Lehrplan aufgenommen wurde. Der Impuls kam allerdings von Vorreitern einer neuen Wissensgeneration. Hier hatte ein abseitiges Randwissen seinen nicht berechenbaren Weg in den Mainstream gefunden. Das zeigt beispielhaft, wie neue Inhalte und Methoden in den Bildungskanon integriert wurden. Bildungskonzepte können den sozialen, politischen und ökonomischen Entwicklungen der Zeit immer nur folgen, da sie dem mühseligen Ringen der verschiedensten Interessen unterliegen und in einem langen Prozess, durch retrospektive Studien, wie PISA, TIMMS und IGLU, das perfekte Lernen ermitteln. Der immer wieder gefilterte Bildungskompromiss kann aus sich heraus also keine neuen Impulse setzen und ist somit ständig auf richtungsweisende Einflüsse von außen angewiesen.

Auch in Zukunft werden neben den großen Interessengruppen die Spezialgebiete eines jeden von Bedeutung sein. Manchmal nämlich entwickeln sich aus einer vorerst ziellosen Begeisterung exemplarische Programme für zukünftige Anforderungen. Nicht alles lässt sich zum Glück effizient nutzen, zumindest aber sind randständige Aktivitäten ein Indiz für die Differenziertheit einer Gesellschaft. Daraus ergeben sich im besten Fall Modelle für spätere Zeiten.

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