Gesellschaft
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Sind wir alle “fritzisch” gesinnt?

Friedrich II
Friedrich II (Foto: Sebastian Niedlich)
Wir Deutschen haben ja eigentlich immer ein Identitätsproblem. Historisch betrachtet bietet sich nicht allzu viel Nationalismus an, um Einigkeit im Vaterland zu stiften; die Wiedervereinigung wurde als mehr oder weniger gescheitert deklariert, in der jüngeren deutschen Geschichte bleibt also höchstens noch der Fußball übrig. Immerhin: Wenn man nach dem Fußball-Anteil in der Tagesschau geht, scheinen die Sorgen um die Bundesliga doch sehr viele deutsche Bürger  innerlich zu vereinen.

Friedrich II

Friedrich II (Foto: Sebastian Niedlich)

Im Land von Goethe und Schiller empfinden wir dann aber Fußball als kulturelle Identität doch als ein bisschen dürftig. Für unsere kulturelle Identität brauchen wir ergiebigere Anhaltspunkte. Nur welche? Diese Identitätskrise ist nichts Neues.  Es gehört zu regulären gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen, auch die nationale Identität zu hinterfragen. Doch dann kam das Friedrichjahr 2012.  Am 24. Januar wurde der 300. Geburtstag vom Alten Fritz begangen, und  zwar mit soviel Veranstaltungsbrimborium, das in bestehenden europäischen Monarchien nicht einmal lebenden Königen zuteil wird.

Ausstellungen, Filme, eine neue Themenführung im Park Sanssouci und unzählige Biografien beschäftigen sich mit dem Preußenkönig. Betrachtet man Berliner Souvenirshops, könnte man auf die Idee kommen, dass Friedrich auf der Liste der 100 beliebtesten Deutschen noch vor Günther Jauch liegen müsste: Er ist hier nämlich in zahlreichen Ausführungen zu erwerben, als Kühlschrank-Magnet, Lesezeichen oder Stift. Selbst ein Friedrich-Kunstmalbuch gibt es, in dem der Rokoko-König nach eigenem Geschmacksempfinden ausgemalt werden kann. Nur der Ampelmann scheint noch beliebter zu sein.

Doch eignet sich Friedrich II. überhaupt zur Identifikationsfigur? Was erinnern wir von ihm, das ihn immer noch zu einem offensichtlich signifikanten Bestandteil unseres kollektiven Gedächtnisses macht? Friedrichs Lebensdaten kennen wir seit diesem Jahr. Mit dem Siebenjährigen Krieg hat er Preußen zur europäischen Großmacht gemacht. Er hatte erhebliche Probleme mit seinem brutalen Vater, der seinen besten Freund hinrichten ließ und am liebsten auch noch den eigenen Sohn aus dem Weg geschafft hätte. Ansonsten kennen wir noch das Bild mit der Querflöte und eben das Neue Palais im Park Sanssouci, welches er angeblich nach eigenen Skizzen errichten ließ. Es ergibt sich das Bild eines Schöngeists, der unter der preußischen Disziplin gelitten hat. Ein zugegebenermaßen sehr unvollständiges Bild, mehr Informationen stehen selbst im Wikipedia-Artikel. Wer sehr gut informiert ist, weiß vielleicht noch um Friedrichs politisches Wirken und seine Vorstellungen eines aufgeklärten Absolutismus.

Wie kann also eine historische Persönlichkeit ein paar Jahrhunderte nach seinem Tod eine solche Faszinationswelle auslösen, wenngleich in unseren Köpfen nur eine äußerst schwammige Vorstellung von Friedrich und dem alten Preußen existiert? Haben wir nicht jahrzehntelang versucht, alles Preußische aus unserer Gesellschaft zu verbannen? Sind wir nicht längst des preußen-deutschen Bildes, geprägt von Disziplin, Autoritäten-Hörigkeit und Ordnung, überdrüssig geworden?

Man kann nur Vermutungen darüber anstellen, warum Friedrich nach wie vor interessiert. Natürlich drängt sich der Verdacht aus, dass, nachdem Guido Knopp erfolgreich das 20. Jahrhundert medial abgegrast hat, ein 300-jähriges Königsjubiläum gerade recht kam, um den Vergangenheitsboom nicht abflachen zu lassen.

Allerdings machten sich schon keine Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe sowie Heinrich und Thomas Mann Gedanken um denMythos des Preußenkönigs. Goethe bezeichnete sich selbst als „fritzisch gesinnt“, Thomas Mann sah in ihm ein Opfer der Monarchie. Auch die literarische Historie  gibt uns also Recht, wenn wir uns heute noch an Friedrich und sein Leben erinnern wollen. Überdies scheint heute das  Beste an Friedrich zu sein, dass sein Tod schon so lange zurück liegt, dass er nun wirklich nichts mehr mit den Nazis zu tun gehabt hat. Natürlich zeichnet sich im Machtstreben Preußens schon der spätere großdeutsche Nationalismus ab; und im Nationalsozialismus wurde Friedrich durchaus als deutscher Held glorifiziert. Allerdings haben wir eben keinen Napoleon und keine Queen Elisabeth I., die symbolisch für deutsche Geschichte stehen, und denen man Jahrhunderte nach ihrem Tod ihre Gräueltaten verzeihen kann. Wir haben nur Hitler. Da bietet sich Friedrich II. noch am ehesten als historische Figur an, um die bedenkenlos ein wenig Kult betrieben werden kann.

Es ist verständlich, dass wir uns mit unserer Geschichte ohne Rücksicht auf Tabus und „politicalcorrectness“  auseinandersetzen wollen, ein wenig verklären wollen, Werte und Traditionen aus längst vergangenen Tagen ableiten wollen. Selbst in Polen, dem Land, dass durch Preußendeutschland  mit am meisten gelitten hat, werden heute Städte, Dörfer und selbst abgelegene Gutshöfe wieder im alten deutschen, und damit preußischen Stil, aufgebaut. An vielen Häusern hängen Schilder wie „Erbaut 1932“, die touristischen Gegenden profitieren durch die Rückbesinnung auf alte Zeiten. Vieles, was einmal deutsch war, wird wieder hervorgekramt und in Museen ausgestellt.

Wenn selbst der europäische Nachbar, mit dem Deutschland wohl die schwierigste emotionale Beziehung führt, die preußische Vergangenheit in die gegenwärtige Identitätsbildung einer ja noch jungen Demokratie aufnimmt, müssten wir doch das Recht haben, dies auch zu tun. Ein etwas selbstverständlicherer Umgang mit der eigenen nationalen Vergangenheit hat nichts mit problematischer Deutschtümelei zu tun. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob der Friedrich-Hype nur Teil eines melancholischen Vergangenheitstrends ist. Preußen bliebe dann ein Erinnerungsschnipsel im riesigen Sammelsurium Retrokultur, einem diffusen Haufen von Vergangenheitseinflüssen, die wir meist nicht so recht einzuordnen wissen, und die ihre bemerkenswerteste Auswirkung in Mode-oder Touristikerscheinungen haben. Karl Lagerfeld hat sich bereits mit Enthusiasmus der Rokoko-Mode gewidmet.

Um unserer nationalen Identitätskrise zu entkommen, müssten wir jedoch bereit sein, uns auch tiefergehend mit Vergangenheit auseinanderzusetzen. Nur dann könnten wir beurteilen, welche Auswirkungen Friedrichs Politik für die Entwicklung Deutschlands und damit für die Entwicklung einer nationalen Identität hatte. Wenn sich unser kollektives Gedächtnis immer nur aus Wissensfragmente – wie im Fall von Friedrich II. – speist, kann sich doch kein stimmiges Bild einer vergangenheitsbezogenen, kulturellen Identität entwickeln. So wirken wir in unserem eigenen Deutschland-Image nur unentschlossen und zögerlich. Man müsste sich einmal zu etwas ganz und gar entschließen. Wenn wir Friedrich im Jahr 2012 noch vermarkten, muss man sich eben eingestehen, dass Preußen selbst heute noch in unserer Kultur verankert ist. Dann ist etwas Personenkult auch erlaubt.

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Kategorie: Gesellschaft

Julia Hackober wurde in Bad Mergentheim/Baden-Württemberg geboren. In Eichstätt und Malmö studierte sie europäische Kultur und Politik. Neben dem Studium sammelte sie journalistische Erfahrungen unter anderem bei RadioTON Heilbronn, dem Berliner Stadtzmagazin Zitty sowie der Süddeutschen Zeitung. Augenblicklich schreibt Julia für das Modeportal styleproofed.com.

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