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Überfordert im Kino? Nie wieder!

Titelbild für Filmkritik zu "Dieses bescheuerte Herz". Quelle: https://www.constantin-film.de/kino/dieses-bescheuerte-herz (nur zur einmaligen Verwendung)

Mit „Dieses bescheuerte Herz“ ist Marc Rothemund ein Vorzeigewerk des deutschen Feel-Good-Movies gelungen. Unsere Autorin hat den Film unter die Lupe genommen und daraus ein Handbuch mit Tipps und Tricks für Filmemacher*innen erstellt, die sich in diesem Genre erfolgreich beweisen wollen.

Schnappen Sie sich einen Spiegel-Bestseller des Autoren Lars Amend, der schon mit einer Biografie über Bushido ein bahnbrechendes Werk der Weltliteratur geschaffen hat. Erzählen Sie die Geschichte eines ungleichen Duos: die Geschichte eines ignoranten und schnöseligen Sohn eines wohlhabenden Chefarztes, der sich auf Anweisung seines Vaters um den todkranken, 15-jährigen David kümmern soll. Entscheiden Sie sich bei der Besetzung der ersten Rolle für Elyas M’Barek. So können Sie sichergehen, dass Ihre Figur mit möglichst wenig spielerischem Einsatz des Darstellers so authentisch wie möglich verkörpert wird. Besetzen Sie die Rolle des Jungen mit irgendeinem Jungen (Philipp Noah Schwarz).

Beginnen Sie Ihren Film, indem Sie mit visuellen Plattitüden nahtlos an die vorangehenden Werbefilme im Kino anschließen. Dabei darf Ihnen nicht unangenehm sein, dass sogar die Barmer-Werbung mehr dramaturgischen Esprit erweist als Ihr Werk. Zeigen Sie perfekte Gesichter in einem voll ausgeleuchteten Nachtclub, in dem Sie Ihren Protagonisten Lenny, den Sohn des Arztes, einführen. Zeigen Sie Gesichter, die selbst nach einer durchfeierten Nacht mit Kokain von einer wohltuenden Makellosigkeit sind. Deformierte Körper sind generell tabu: David hat zwar seit der Geburt lauter dysfunktionale Organe und würgt sich regelmäßig die Seele aus dem Leib. Doch geben Sie der Maske die Anweisung, dass auch dieser Körper – abgesehen von den geradezu künstlerisch-geometrischen OP-Narben am Rücken, die nur einmal zu sehen sind – irgendwie hübsch aussehen muss.

Vermeiden Sie Unvorhersehbarkeiten!

Wählen Sie für die Rolle der Mutter des Jungen eine Frau (Nadine Wrietz), die zwar mollig-herzerwärmend, aber auch ziemlich hysterisch und weinerlich ist. Wir nennen sie „Betty Müller“. Solch eine Dame kann doch von ihrem Exmann nur verlassen worden sein. Dieser hat sich mit dem älteren Sohn ins ferne Südafrika abgesetzt, weit weg von David und Betty. Letztere wohnen ihrem Opferstatus entsprechend in einem Plattenbau. Lassen sie diesen jedoch so aussehen, als hätte man ihn gerade gebaut und gestrichen, damit das nicht die harmonische Grundstimmung des Films zerstört. Entschuldigen Sie mal, wir sind hier immerhin in München, hier herrscht seit Dekaden Ordnung. Kreieren Sie grundsätzlich aalglatter Bilder, die vom Mainstream der deutschen Film-Farbgebung nicht abweichen. Verwenden Sie dazu einen Sepia-Gelbstich à la Til Schweiger oder das berühmte Kaltblau aus dem „Tatort“, oder eben gleich beides. So können Sie sich für Ihre Varianz feiern, ohne mit Sehgewohnheiten zu brechen.

Eine Wunschliste muss her mit Dingen, die David vor seinem Tod gerne noch erleben und besitzen würde. Wieso? Na, Sie wollen Unvorhersehbarkeiten in Ihrer Story vermeiden! Das gelingt Ihnen ganz einfach mit diesem dramaturgischen Kniff. Die Wunschliste muss konsequent abgearbeitet werden. Richten Sie Ihren Film auf Menschen aus, deren Aufmerksamkeitsspanne kurz ist, sehr kurz. Selbst der vermeintlich unbewegliche, todkranke David muss reden und laufen, als gäbe es kein Morgen. Lassen Sie die beiden Protagonisten in einem Krankenwagen sitzen, und Lenny belustigt anmerken, wie langsam dieser doch fahre. Erzielen Sie jedoch mit flotten Schnitten, Innen- und Außenansichten vom Krankenwagen und wechselnden Kameranähen den Eindruck, die beiden würden mit Tempo 230 gleichsam in Richtung Stumpfsinn rasen. Liefern Sie Ihre Flut an Bildern, Tönen und Rührseligkeiten in einer solch erschöpfenden Geschwindigkeit, dass ihre Zuschauer*innen nicht einmal dazu kommen, das Wort „Langeweile“ in ihrem Kopf buchstabieren zu können. Tun Sie’s einfach, schnell!

Hallelujah!

Filmmusik! Die fehlt natürlich noch! Setzen Sie diese so ein, dass man Ihre Dramaturgie selbst bei geschlossenen Augen wirklichkeitsgetreu wiedergeben könnte: Benutzen Sie ausgediente Elektromusik in den Clubszenen und in solchen, in denen es Lenny nicht gelingt, von seinem alten Lebensstil faktisch und gedanklich wegzukommen. Benutzen Sie Klaviergeklimper und Streicher, wenn Sie indes von David erzählen, oder einen Sinneswandel bei Lenny andeuten wollen, der am Ende doch seinen weichen Kern entdeckt. Spielen Sie am Ende des Films noch „Hallelujah“ – kennt jeder und verursacht immer Tränen, versprochen!

Foto: Constantin Film

 

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Kategorie: Film

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