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Penis? Egal: Ballerina!

Foto: Menuet/Universum Filmverleih

Lara steht kurz vor der Erfüllung ihrer beiden großen Träume: Ballerina sein und durch eine Geschlechtsanpassung endlich den Penis loswerden. Was das für eine Belastung für einen jungen Körper bedeutet und was das über alle Körper aussagt, zeigt der Film “Girl”.

Eingeengt zu sein bekommt Füßen nicht. Aber Lara möchte Balletttänzerin werden. Dafür muss sie ihre Füße in die Ballettschuhe zwängen und „en pointe“ auf ihren Spitzen tanzen. Probeweise wurde sie an der staatlichen Ballettschule in Brüssel angenommen. Nun muss sie sich beweisen und ihren Rückstand aufholen. Denn im Gegensatz zu den anderen Mädchen hat sie erst spät mit dem Spitzentanz angefangen. Wenn sie nach dem Training die Schuhe auszieht, schält sie blutige Zehen heraus. Und auch die Haut ihres Genitalbereichs löst sich gerötet vom hartnäckigen Tape, mit dem sie ihren Penis für das Training wegklebt.

Mit ihm ist sie geboren, als Junge. Er passt für sie nicht in das Bild des Körpers, den die Fünfzehnjährige immer wieder bei schummrigem Licht im Spiegel betrachtet. Sie möchte endlich ein Mädchen sein und wartet sehnsüchtig auf die bevorstehende Geschlechtsangleichung. Probehalber formt sie ihre Brust vor dem Spiegel zu Brüsten. Dabei ist sie doch schon ein Mädchen, wie ihr Vater Mathias feststellt, der seine Tochter unterstützt und bei den Arztterminen begleitet. Auch der Dritte im Bunde, der kleine Bruder Milo, nennt seine große Schwester „Lara“. Ihr früherer Name ist tabu.

Es tut weh zu sehen, wie sich Lara quält

Damit wirft der Film „Girl“ genau die Frage auf, die gestellt werden sollte und mit der sich Gendertheorien befassen. Es geht zum Glück längst nicht mehr um die Anerkennung von Transgender und Geschlechtsangleichungen, sondern darum, inwiefern alle Geschlechter konstruiert sind und was all den einzigartigen Körpern und Menschen damit angetan wird. Aufgrund ihres Penis’ wird Lara zum Jungen erklärt und Jungs tanzen beim Ballett eben klassischerweise nicht auf Spitze, wie die Mädchen, sondern lediglich auf Zehenspitzen. Kein Wunder, dass Lara unter ihrem Penis leidet und unbedingt wie die Mädchen auf Spitze tanzen möchte.

Das Umlernen ihrer Füße ist schmerzhaft. Ihr dabei zuzuschauen, wie sie sie immer weiter an den Stangen ihres Bettgestells dehnt und danach in der Schüssel mit Wasser, in denen Eiswürfel schwimmen, kühlt, tut weh. Fast will man ihr Tape und Schuhe wegnehmen und schreien, dass sie doch bitte, bitte auch so Mädchen sein kann. Ohne diese ganze Quälerei. Oder, dass es doch auch eigentlich total egal ist, ob sie nun Mädchen oder Junge ist, weil es bei allen Körpern egal sein sollte, ob da nun Penisse, Schamlippen oder was auch immer baumeln.

Die Besetzung durch Victor Polster, der hierfür in Cannes einen Preis für den besten Schauspieler gewann, macht es vor: Der junge Schauspieler und Tänzer gibt im Spielfilmdebüt seinen Körper und seine Gesten so selbstverständlich an die Rolle ab, dass kein Raum bleibt, sich als Zuschauer*in heimlich mit der sinnlosen Grübelei zu plagen, welches Geschlecht denn nun die schauspielende Person hat. Da ist Lara – ein Mädchen mit Penis halt. Na und?

Sie will demonstrativ Frau sein – mit Lippenstift und Handtasche

Wäre es doch für Lara auch so einfach. Einerseits bricht sie ja mit der bestehenden Binarität weiblich-männlich und das ist zweifellos viel verlangt, von einem jungen Menschen, der in einer Gesellschaft groß wird, die noch immer viel zu sehr in alten Mustern festhängt. Als der Vater zum Beispiel einmal witzelnd mit ihr über Jungs reden will, wirft sie selbstbewusst ein, dass es ja auch sein könne, dass sie auf Mädchen stünde. Cool lächelt sie unter ihrer Sonnenbrille.

Dann aber performt (mit diesem Verb bezeichnen Gendertheoretiker*innen wie Judith Butler die Ausübung von Geschlecht) sie ihr Mädchen-, schon eher: Frausein auch abseits der Ballettbühne auf geradezu übertriebene Weise. Im Kleid, die blonden langen Haare schick frisiert, ist sie die Hausfrau in der Küche und Ersatzmutter für den Bruder Milo. Es macht traurig zu sehen, dass sie so sehr bemüht ist, ihr Jungssein loszuwerden, dass sie sich ganz der Schublade der Frau hingibt. Die auch konstruierter Humbug ist. Aber Lara will nun einmal zu den Mädchen gehören.

Die Lehrerin fragt streng: “Willst du etwa aufgeben?”

Die Hintergrundkulisse des Balletts ist die dafür passende Analogie. Nicht nur, dass das klassische Ballett die konservativen Rollenbilder der zerbrechlichen Ballerina und des starken, sie stützenden Mannes an ihrer Seite verkörpert. Es zeigt auch, wie diese Konstruktionen auf die jungen Menschen wirken. Die Schülerinnen und Schüler der Ballettschule kämpfen. Sie verlangen ihren Körpern unter enormem Kraftaufwand Perfektion und Anmut ab. Sie dehnen sich bis zum Anschlag und kreiseln so schnell, dass ihre Bewegungen der Kamera entgleiten. Als Lara im Einzeltraining taumelnd dem Ende nahe ist, reagiert die Lehrerin streng: „Ich weiß, du hast Schmerzen. Aber willst du etwa aufgeben?“ Lara lächelt nur und rückt den Träger ihres Bodys zurecht.

Sie lächelt oft. Zaghaft, aber so, als hätte sie alles im Griff. Als wäre es eine Leichtigkeit an der Traumschule aufzuholen, für die die ganze Familie umgezogen ist, und sich gleichzeitig auf die langersehnte Geschlechtsangleichung vorzubereiten. Würde sie sich für eins davon entscheiden müssen, wäre es zu spät für das andere. Deshalb bloß keinen Verdacht erregen, diese Doppelbelastung nicht zu meistern. „Mir geht es gut“, sagt sie zu ihrer besorgten Ärztin. „Dir muss es besser gehen“, erwidert die. Sonst wird es nichts mit der Operation.

Foto: Menuet/Universum Filmverleih

Mit kleinen Details zeigt der Regisseur und Drehbuchautor Lukas Dhont intuitiv die Problematik um die konstruierten Geschlechter auf. Es braucht dafür kein großes Drama. Laras Alltag mit der Selbstverständlichkeit auf der einen Seite und die kleinen unbedachten Worten ihres Umfelds, die sie verletzen, zur Schau stellen und an sich selbst zweifeln lassen, auf der anderen sind dramatisch genug. „Girl“ ist das Langfilmdebüt des 27-jährigen Belgiers. In Cannes wurde er dafür gleich mit drei Preisen ausgezeichnet und wird hoffentlich auch bei den Oscars 2019 eine Chance haben. Denn das unvermeidliche Mitfühlen mit Lara – wenngleich es mit einer gewissen Exponiertheit einhergeht – lässt umdenken.

Noch während sich der Abspann über die Leinwand zieht, sammelt sich eine Schlange im Flur vor der Damentoilette. An der Wand hängt ein Zettel, auf dem mit ein paar rudimentären Strichen eine Person mit langen Haaren, Kleid und Bauchnabel gekritzelt ist. Die Person lächelt breit. Pfeile daneben deuten auf die Damentoilette. Auf der Toilette für die sogenannten Herren ist nichts los. Ein paar aus der Schlange schauen sich ertappt um. Diese Geschlechter, die uns in zwei Gruppen einteilen! Für diese Performance sollten wir alle eine Goldene Palme erhalten.

Kinovorführungen
delphi Lux Kino
Kantstr. 10, 10623 Berlin
www.yorck.de

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Kategorie: Film

Stella Schalamon

Vielleicht liegt es daran, dass sie quasi in Zeitungsbergen aufwuchs, jedenfalls ist für Stella Schalamon die mit intuitivste Art sich zu äußern das Schreiben. Schreiben, das ist für sie wie kochen: Man schmeckt die Worte auf der Zunge und guckt, was gut zusammenpasst. Die zukünftige Filmemacherin aufregender Reportagen oder Schriftstellerin liebt Kunst, Kino, Sterne und Bienen.

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