Film, Ost*Berlin
Schreibe einen Kommentar

Klappe, die erste!

Die Grafik hat Heike Fischer erstellt, www.jungundschön.com .
Grafik: Heike Fischer, www.jungundschön.com

Ostberlin hat schon immer einen wunderbaren Drehort abgegeben – zu DDR-Zeiten sowie nach der Wende. Wir haben 13 wichtige Filmbeispiele zusammengetragen und sie auf Handlung, Hintergrund und Stadtbezug geprüft. Auch vor einem persönlichen Fazit scheuen wir uns nicht. Diesmal: Teil 1, die DEFA-Jahre.

Berlin Ecke Schönhauser
Berlin um die Ecke
Die Legende von Paul und Paula
Solo Sunny

______________________________________________________________________________________________________________________________________

Berlin – Ecke Schönhauser

1957, 81 Minuten

DVD-Cover von "Berlin - Ecke Schönhauser" (Foto: Icestorm Entertainment)

DVD von Icestorm Entertainment

Worum geht’s? Jugendliche im Sommer 1956 in Ostberlin. Regelmäßig treffen sie sich unter der U-Bahn-Station Schönhauser Allee, hängen rum, tanzen. Dann will einer aus der Gruppe in den Westen fliehen.

Was steckt dahinter? Der DEFA-Spielfilm von Gerhard Klein, nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase, kam 1957 in die Kinos. Der Verbund der deutschen Kinematheken wählte ihn zu einem der hundert wichtigsten deutschen Filme aller Zeiten. Die BRD verbot den Film in den 1960er-Jahren aufgrund der einseitigen Darstellung einer Notaufnahme für Flüchtlinge in Westberlin.

Wie viel Ostberlin ist drin? Fast sieht der Prenzlauer Berg wie heute aus, soll das wirklich schon so lange her sein? Dann wirft einer der Jugendlichen eine Straßenlaterne ein, wütend wird „Hör ma’!“ gerufen und die Volkspolizei eilt herbei. Die Kamera fängt ein authentisches Ostberlin ein, die Jugendlichen treffen sich im „Pratergarten” in der Kastanienallee oder tauschen in einer U-Bahn-Station verbotenerweise Ostgeld gegen Westgeld.

Was bleibt? Der Gedanke, wie es wohl gewesen wäre, in Ostberlin aufzuwachsen. Jedes Mal, wenn es in der U2 Richtung Pankow heißt: „Nächster Halt: Schönhauser Allee.“ (Linda Gerner)

______________________________________________________________________________________________________________________________________

Berlin um die Ecke

1965, 85 Minuten

DVD-Cover von "Berlin um die Ecke" (Foto: Icestorm Entertainment)

DVD von Icestorm Entertainment

Worum geht’s? Olaf (Dieter Mann) und Horst (Kaspar Eichel) versuchen, zwischen Arbeit, Tanzlokal und neuer Liebe ihren Platz im Ostberlin der 1960er-Jahre zu finden. Dabei geraten sie immer wieder mit Vertretern der älteren Generation aneinander.

Was steckt dahinter? „Berlin um die Ecke“ wurde 1965 vom Zentralkomitee der SED verboten und noch im Rohschnitt eingelagert. Die Version des Films, die seit der Wendezeit wieder gezeigt wird, ist Fragment geblieben – manche Übergänge sind holprig, eine Filmmusik fehlt weitgehend.

Wieviel Ostberlin ist drin? Kameramann Peter Krause findet wunderbar ausgeleuchtete Schwarz-Weiß-Bilder für den öffentlichen Raum in Ostberlin: die Hochbahn entlang der Schönhauser Allee, die Straßenflucht der Karl-Marx-Allee, die Metallbetriebe in Schöneweide.

Was bleibt? Der ungeschliffene Filmjuwel von Gerhard Klein hat nach 50 Jahren seinen Glanz bewahrt. Das liegt auch an Wolfgang Kohlhaases Dialogen, in denen viel Humor und mindestens genauso viel Herz stecken. (Simon Rayß)

______________________________________________________________________________________________________________________________________

Die Legende von Paul und Paula

1973, 105 Minuten

DVD von Icestorm Entertainment

Worum geht‘s? Paula (Angelica Domröse) und Paul (Winfried Glatzeder) stecken in einer Sackgasse: Sie ist eine alleinerziehende Mutter, er ein Staatsdiener und betrogener Ehemann. Sie treffen aufeinander und es funkt. Ist es die große Liebe oder am Ende doch der harte Boden der Tatsachen, der ihnen das Glück unmöglich macht?

Was steckt dahinter? Heiner Carow zeigt den Alltag einer arbeitenden Frau, die ihr Leben fern von sozialistischen Normen gestaltet. Die poppige Filmmusik stammt von den Puhdys, die damit den endgültigen Durchbruch als Rockband erlebten. Der Film wurde seit 1973 regelmäßig in den Kinos gezeigt.

Wieviel Ostberlin ist drin? Neubauten auf der einen, kurz vor dem Abriss stehende Altbauten auf der anderen Seite: Der Film spielt in der Nähe des Ostbahnhofs, in der Singerstraße unweit der Straße der Pariser Kommune. Er ist auch ein Dokument des rigorosen Stadtumbaus der 1970er-Jahre.

Was bleibt? Eine starke Frauenrolle, die sich mit einer damals gängigen Lebenssituation auseinandersetzt. Das persönliche Glück wird erdrückt von gesellschaftlichen Konventionen – trotzdem ist dieses Hippie-Märchen erfrischend unterhaltsam. (Claudia Auerbach)

______________________________________________________________________________________________________________________________________

Solo Sunny

1980, 104 Minuten

DVD-Cover von "Solo Sunny" (Icestorm Entertainment)

DVD von Icestorm Entertainment

Worum geht’s? Als Sängerin der „Tornados“ tourt Sunny (Renate Krößner) durch die DDR. In Berlin lebt sie allein und entspricht nicht dem gängigen Frauenbild. Sie lässt sich auf der Bühne nicht beleidigen und fliegt aus der Band. Doch sie lässt ihr engstirniges Umfeld hinter sich und wagt einen Neuanfang.

Was steckt dahinter? „Solo Sunny“ ist der letzte Film des DEFA-Regisseurs Konrad Wolf. Er und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase porträtieren Sunny als selbstbewusste und gleichzeitig verletzliche Individualistin. Für die Preisverleihung des Silbernen Bären 1980 als beste Darstellerin hätte Krößner fast nicht nach Westberlin einreisen dürfen.

Wieviel Ostberlin ist drin? „Solo Sunny“ spielt in Prenzlauer Berg. Aus Sunnys Küchenfenster blickt die Kamera direkt auf die S-Bahngleise, im Hintergrund werden Häuser gesprengt. Ihr extravaganter Auftritt wirkt fehlplatziert in der Abriss-Ästhetik der Umgebung.

Was bleibt?  Die großartige Musik (Günther-Fischer-Quintett, Regine Dobberschütz) trägt die melancholische Stimmung. Krößner spielt beeindruckend eine eigensinnige Frau, die es wagt, ihr Leben ihrer Leidenschaft und Kunst zu widmen und an den starren Rollenbildern der (ost)deutschen Gesellschaft in den späten 1970er-Jahren scheitert. Diese Tragik hallt auch heute noch nach. (Marie Hecht)

FacebooktwitterFacebooktwitter
Kategorie: Film, Ost*Berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.