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Hinterm Mond ist es gemütlich

Der Wohnort hinterm Mond ist kulturgeschichtlich reich bevölkert: Aliens, Außerirdische, Mann im Mond und E.T. fühlen sich dort zuhause. Doch warum muss „das Andere“ immer aussehen wie wir selbst?

Dieser und andere Beiträge erschienen als Kurztexte in der taz im Rahmen des Mentorenprojekts „Printjournalismus“.

In der englischen Sprache braucht es keine extraterrestrischen Fähigkeiten oder eine Reise zum Mond, um als ‚alien‘ zu gelten: Es genügt, sich einem System, Ort, Wesen oder einer Gruppe gegenüber als fremd zu definieren, und schon landet man etymologisch hinter dem Mond. Die Marsmenschen, der Mann im Mond sowie diverse Aliens und außerirdische Lebewesen teilen sich den Wohnort fern der Erde auf einem fremden Planeten.

Saturn seen from the snowy surface of its giant moon Titan, Chesley Bonestell

Wie lebt es sich hinterm Mond? Irdische Belange spielen aufgrund weiter Anreise und erschwertem Zugang auf dem Mond und seinen planetaren Geschwistern keine Rolle. Der Handyempfang reicht nicht bis zum Mond, Raum gibt es genug, Schwerelosigkeit verspricht Leichtigkeit und der Außen-Blick auf den blauen Planeten ist eine angenehme Abwechslung. Man sollte jedoch nicht erwarten, den Mond für sich zu haben, in der Kulturgeschichte ist er reich bevölkert. Mit wem teilt man sich das Refugium, wer sind die Nachbarn in space? Wie sieht ‚das Andere‘ aus, und was hat es eigentlich mit uns zu tun?

Außerirdische Diversität

Das Spektrum außerirdischer Mitbewohner ist erstaunlich groß. Geläufige Hautfarben sind grün oder grau, Alienfiguren wie „little green (or grey) men“ tragen gerne Antennen auf dem Kopf. Die geschlechtslosen Männchen mit tiefschwarzen Telleraugen sind für viele die Alien-Assoziation Nummer eins. Auf René Laloux‘ wildem Planeten Ygam spazieren riesenhafte Wesen in Blauschattierungen durch surrealistisch gezeichnete Landschaften. E.T., der Alienliebling der Herzen aus Steven Spielbergs gleichnamigem Film von 1982 hat mit seinem glühenden Zeigefinger und den überdimensionierten Augen so manchen Skeptiker erweichen können. Auf Erden besonders unbeliebte Attribute haben in space durchaus Erfolg: Spinnenbeine, multiple Augen und insektenähnliche Fühler, wie sie Paul Verhoevens „bugs“ in „Starship Troopers“ tragen, Tentakel wie die neu zugezogenen Heptapoden aus Denis Villeneuves „Arrival“ oder alle Merkmale auf einmal, wie Ridley Scotts „Alien“ zeigt.

Foto aus La Planète Sauvage, René Laloux

All dies mag im Vergleich zum Menschen abschreckend wirken – wirklich fremd, also „alien“ ist es nicht. Warum können wir uns das Extraterrestrische nur wie deformierte Versionen unserer selbst vorstellen? Die Gegenbeispiele sind selten: Lediglich die Überbleibsel einer hypothetisch humanoiden oder auch gänzlich andersartigen Bevölkerung zeigen uns die Monolithen in Stanley Kubricks „Space Odyssey“ im fiktiven Jahre 2001, Tarkowskis Ozean aus „Solaris“ wiederum entzieht sich jeglicher Verbildlichung so weit es geht.

Das Andere sind immer wir selbst

Die Andersartigkeit, Grundlage für die Visualisierung des Extraterrestrischen, schafft keine völlige Entkoppelung vom Irdischen. Wie muss das Andere aussehen, um heute noch zu überraschen? Auf technischem Niveau ist alles darstellbar: Spätestens James Camerons „Avatar“, finanziell der erfolgreichste Film aller Zeiten, hat die Grenzen der längst nicht mehr nur zweidimensionalen Bildproduktion aufgehoben. Und doch hat fast alles Außerirdische in seinen Darstellungen einen humanoiden Kern. Ist unsere Fantasie wirklich derart begrenzt, dass wir so schnell an den Rand unseres eigenen Bewusstseins stoßen? Die Vorstellung eines dermaßen Anderen, dass es als außerirdisch nicht erkannt werden kann – da außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft – ist schlicht kein Bild, das viele Menschen ins Kino lockt. Der Film braucht erkennbare und identifizierbare Figuren, wie unmenschlich sie auch sein mögen – Gute, Böse, Andere. Kulturgeschichtlich ist das Außerirdische im Extremen verortet: Auf entfernten Planeten mit dem Ziel, die Erde zu zerstören oder zu retten, den Menschen auszurotten oder zu erleuchten, leben nun mal meist Protagonisten, die im Film zumeist im Actiongenre angesiedelt sind. Das Unbekannte ist für den Menschen nur so lange bedrohlich, wie es als solches wiedererkannt werden kann.

Foto aus Solaris, Andrei Tarkowski

Wie aber dann? Die Darstellung des wirklich Anderen müsste sich von allen Erwartungen und Fantasien lösen, um ein tradiertes Repertoire an Alienbildern zu überwinden. Vielleicht liegt die Lösung eher im Physikalischen als im Visuellen: Organe und Sinne könnten an Voraussetzungen der Atmosphäre, Schwerkraft, Beschaffenheit eines Planeten geknüpft sein, auf eine Weise, die uns das Andere nicht erkennen lassen würde – es könnte ebenso in einer giftigen Gaswolke leben, in Flammen, glühender Hitze oder ihrem thermischen Gegenteil, oder wäre auf eine andere Sonne als die unsere ausgerichtet. Heute aber scheint es, als sei die physische Form des Menschen das denkbar Bedrohlichste, wie es „Under the Skin“ zeigt, schlimmer noch als die Kreation des völlig Neuen. Das neue Außerirdische wird inmitten aller sein, zurück auf der Erde: der Mensch als Maschine, eine humanoide Hülle ohne Seele, Herz, Gewissen und Verstand.

Fotos: o. T. von Sophie Cauvin
Saturn seen from the snowy surface of its giant moon Titan. Art by Chesley Bonestell published in Life Magazine (1944) von Leo Boudreau
Fantastic Planet von Eric Carl
Solaris (1972) von .steve

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