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Versuch über Peter Handke

Wie macht man einen Film über einen Schriftsteller? Regisseurin Corinna Belz beantwortet diese Frage mit ihrem neuen Dokumentarfilm über Peter Handke. Ab 10. November im Kino

Es ist der Abend der Vorpremiere in Berlin. In der anschließenden Gesprächsrunde mit dem Filmteam meldet sich ein eifriger Zuschauer zu Wort. „Toll, dass Ihnen gelungen ist, dem Enfant Terrible mit Hilfe von Pausen eine zarte Seite anzuhaften“, sagt er zur Regisseurin. Der Zuschauer, der unbedingt etwas sagen wollte, um auf keinen Fall einer Gesprächspause zum Opfer zu fallen, bringt auf konträre Weise die Problematik des Films auf den Punkt. „Peter Handke – Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte“ ist nicht nur der Versuch, Arbeit, Denken und Leben eines Schriftstellers zu verbildlichen, es ist auch der Versuch, einen Film über Peter Handke zu machen.

Der Österreicher, der in den 60er Jahren mit dem Stück „Publikumsbeschimpfung“ seine eigene Zielgruppe, und bei einem Treffen mit der Schriftstellervereinigung Gruppe 47 auch das Werk namhafter Kollegen beschimpft hat, erregte in den vergangenen Jahrzehnten vorwiegend durch sein sich in seinem Schreiben wiederspiegelndes zartes Wesen Aufmerksamkeit. Handke polarisiert – nicht zuletzt durch seine vieldiskutierte proserbische Haltung im Jugoslawien-Krieg – aber genau darin liegt sein Erfolg begründet. Seine Werke mit unverkennbaren Titeln wie „Immer noch Sturm“, „Versuch über den geglückten Tag“ oder „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ sind in viele Sprachen übersetzt worden und längst ist Peter Handke zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller der Gegenwart avanciert; Kritiker loben seine Beobachtungsgabe und seine Liebe zum Detail.

Corinna Belz beweist erneut ihre Fähigkeiten im Genre Künstlerporträt

„Spiele das Spiel. Gefährde die Arbeit noch mehr. Sei nicht die Hauptperson“, zitiert Handke im Film sich selbst und Belz nimmt es sich zum Motto. So kann, wer sich den Film ansieht, also nicht nur Zeuge werden, wie die Hauptperson ihre berühmte Pilzsuppe vorbereitet, sondern auch, wie die Regisseurin den Film gefährdet, indem sie den Zuschauer zum Leser macht. Doch Corinna Belz, die mit dem vorangegangenen Dokumentarfilm „Gerhard Richter Painting“ (2011) über den bekannten zeitgenössischen Maler unter anderem den Deutschen Filmpreis gewonnen hat, stellt mit ihrem neuen Film einmal mehr ihre Fähigkeiten im Genre Künstlerporträt unter Beweis.

„Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“ basiert größtenteils auf mehreren Besuchen im Haus des Autors, seiner Frau Sophie Semin Handke und deren Tochter Léocadie in einem Pariser Vorort und behandelt in Gesprächen einige biographische Abschnitte aus dem Leben Handkes. Durch Einschübe von Filmausschnitten, beispielsweise aus Handkes Zusammenarbeit mit dem Regisseur Wim Wenders, wird Belz‘ Film auch der großen Bandbreite des künstlerischen Schaffens von Peter Handke gerecht. Neben Begegnungen mit Handkes Frau und Töchtern, die gefühlt ein bisschen zu viel Privates offenbaren, beinhaltet der Film schließlich vor allem viel großartige Literatur, vorgelesen vom Autor selbst. Wer sich der Gewichtung der einzelnen Worte bewusst ist, wird sich an manchen Stellen eine Denkpause herbeiwünschen, bis er am Ende begreift, dass Corinna Belz neben der oftmals eingeblendeten Handschrift der Hauptperson ihre eigene nicht unsichtbar lässt. Der gewaltigen Menge an von Handke verfassten Texten verleiht Belz auf diese Weise Ausdruck, außerdem spielt sie mit Bildern, die den Schriftsteller so zeigen, wie er angeblich und eventuell wirklich ist. Am Ende gelingt ihr ein inspirierendes Gesamtwerk, dem die Grenze zwischen Klischee und Wirklichkeit egal ist, weil es im Porträtfilm sowieso niemals eine geben kann, und aller Geschwindigkeit und Pausen zum Trotz macht jedes Tempo einen Sinn.

„Die Leute vom Fernsehen haben mich doch noch überredet“, sagt der sonst kamerascheue Handke in einer Szene am Telefon und meint das Filmteam. Zum Glück.

Foto: Peter Handke/bin-im-wald.de

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