Film
Schreibe einen Kommentar

Tausend und ein Problem

Der Film „Die Schüler der Madame Anne“ (Les Héritiers) von Marie-Castille Mention-Schaar möchte nur die ganz großen Themen stemmen

Film ab: Religion tolerieren, Schnitt. Und zwar jeder jede, Schnitt. Dazu erwachsen werden, Schnitt. Autoritäten erkennen, Schnitt. Schoa begreifen, Schnitt. Vor allem das! Schnitt.

Keine Kinkerlitzchen, die der französische Film „Die Schüler der Madame Anne“  von Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar in 105 Minuten verhandelt. Die Geschichte um eine Krawall-Klasse aus dem Pariser Vorort Créteil, die sich dank unbeugsamer Lehrerin (Ariane Ascaride als Anne Gueguén) im Angesicht der Schrecken der Shoa in ein Team aus anzugtragenden Musterschülern verwandelt, beruht auf einer wahren Geschichte. Einer Geschichte über die Magie der Pädagogik, so möchte es der Film nahelegen. Und das lässt sich kaum besser inszenieren, als durch einen Schülerwettbewerb. Denn weil in der Realität keine Leistung ohne Urkunde gilt, gibt die Lehrerin ihren mehrheitlich muslimischen Schützlingen ein maximal verfängliches Thema an die Hand, um bei einem nationalen Wettbewerb zum Thema der französischen Resistance anzutreten. Es lautet „Kinder und Jugendliche in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten“.

Der motivische Rückgriff auf die Shoa zum Zwecke politischer Jugendaufklärung hat natürlich – im Film wie überhaupt – eine solide Tradition. Bei diesem Film bestand aber Hoffnung auf einen eigenen Zugang: Der Drehbuch-Autor und Schauspieler Ahmed Dramé (Malik) war selbst Schüler der Klasse, die 2009 den „Concours national de la résistance et de la déportation“ gewann. Viele Schüler werden von Laiendarstellern gespielt: Ihre Gesichter wirken angenehm unbequem. Allerdings ist das Strickmuster seit Filmen wie „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ oder „Dangerous Minds“ mehr als nur bekannt. In etwa so abgenutzt wie ein fingernagelgroßer Kreidestummel: Ein wilder Haufen chancenloser Einzelkämpfer wird zur Parademannschaft und steigt aufs Treppchen.

„…die Kamera springt zwischen wutverzerrten Gesichtern hin und her…“

Das Wilde, zeigt uns Mention-Schaar, indem die Kamera stets nah am Konflikt klebt: Muslimische Schüler, die aufstehen, auf die Tische schlagen und gehen wollen, als ihnen ihre Lehrerin eine mittelalterlich christliche Darstellung von Mohammed in der Hölle zeigt. „Propaganda“, sagt Madame Anne mit strengem Blick durch die schwarzgerahmte Brille. Ein anderes Mal gehen sich die rebellische Mélanie und Malik mitten im Unterricht an die Gurgel. Geschrei, Flüche, Gewaltandrohung – die Kamera springt zwischen wutverzerrten Gesichtern hin und her, die nur Zentimeter trennen. „Calmez vous“, sagt Madame Anne mit fester Stimme.

Die Magie, die sie wirkt und die anderen Lehrern fehlt, erklärt der Film nicht: Eine Kollegin, der kaum Zeit gegeben wird, ihren pädagogischen Rückstand auf Madame Anne zu offenbaren, wird durch eine plötzlich wundersam als Einheit auftretende Klasse niedergemacht. Von Anne Gueguén wiederum sieht man nur das Ergebnis des didaktischen Wunderwirkens. Nicht den Weg dorthin. Um einen Prozess und das Scheitern im Kleinen zu betrachten, bräuchte er klarer umrissene Protagonisten. Immerhin einen konsequenten Quotenverweigerer – einen frischgebackenen und daher streng muslimischen Konvertiten – leistet sich der gefällige Film. Doch auch er wird am Ende seine Kameraden mit dem Peace-Zeichen grüßen, als sie auf dem Weg zur Preisverleihung mit dem Bus an ihm vorbeirauschen.

Wie erzählt man die Shoa durch die Augen von Schülern, die in ihrem sozialen Umfeld selbst täglich mit Intoleranz und Gewalt konfrontiert sind? Die Antwort der Regie ist eine, die der Fülle an Problemmasse begegnen will: Enervierende Gehetztheit. Kaum eine Einstellung die mehr als drei Sekunden dauert. Kaum eine Rolle, die mehr über die Kindheit in den Banlieus erzählt als Beton, Sport und Schminke. Kaum ein Stereotyp – die Rebellin, der Stille, der Beschützer, die Alkoholkranke Mutter – der hier nicht auf biegen und brechen ausgeschöpft würde. Natürlich wird dem Betrachter das Potenzial des Guten, das tief in den Schülern steckt, schon vor der Wandlung vor Augen geführt: Der Muslim, der auf den Papagei einer Jüdin aufpasst und eine gekritzelte Schmähung von ihrem Briefkasten wischt. Die Klassenhärteste, die die Bierflaschen ihrer Mutter wegräumt, die vom Alkohol an den Fernsehsessel gefesselt ist. Doch das alles blitzt allenfalls kurz auf, als dass es eindringlich gezeigt würde.

Erst nach einer halben Stunde, folgt der Film Malik länger als drei Sekunden und versucht so etwas wie Alltag herzustellen. Die Kamera sieht ihm vom Flur aus zu, wie er im Wohnzimmer auf seinem Gebetsteppich kniet. Später schaut er einen Film auf dem Laptop. Er ahmt Sätze von Denzel Washington aus dem Film „Man On Fire“ nach.

Drastisch verlangsamt wird das Tempo des Films erst, wenn der Horror der Konzentrationslager den Schülern wie dem Filmpublikum die Kehle zuschnüren soll. Noch im intensivsten und eindrücklichsten Moment, dem Bericht des Buchenwald-Überlebenden Léon Zyguels (es ist Zyguel selbst), bleibt die Kamera nicht auf dem Gesicht des Erzählers, sondern sucht die Reaktion in den Gesichtern der Schüler. Tränen. Als reichten Zyguels Worte nicht.

Reichlich emotionaler Zuckerguss und ratlose Zuschauer

Damit wird auch klar, wie der Film vor lauter Weichmachern sein Ziel verfehlt: Statt zu zeigen, wie der unerschütterliche Wille eines fähigen Mentors, das Wesen seiner Schüler beeinflussen kann, statt die Szenen mit Originaltexten von Holocaust-Überlebenden stehen zu lassen, wird das Publikum unablässig manipuliert, wie auf Schienen geführt. Alle Wünsche gehen in Erfüllung: Der stumme Schüler Leon beginnt natürlich irgendwann den Mund aufzumachen und es sprudeln selbstredend kluge Gedanken heraus. Die erste zarte Liebe zwischen zwei Schülern überwindet die Grenze, die ihre unterschiedlichen Religionen ziehen.

Als emotionalen Zuckerguss gibt es zweimal jenes Stück, das immer kommt, wenn Regisseure Angst haben, dass Text und Bilder allein kein Innehalten produzieren: „Claire De Lune“. Also analog zu Billy Wilder: Debussy „never misses“. Als musikalische Küchenhilfe wird noch der große Klassikverschwurbler Ludovico Einaudi eingeladen, die satte Betroffenheitskuvertüre mit anzurühren.

Zuletzt sitzt man als Zuschauer bedröppelt im Dunkeln. Ratlos und doch berührt, chancenlos angesichts des Stoffs auf den der Film verweist. Wie lässt sich Buchenwald heute erzählen? Indem man zeigt, was die Erzählung derer, die dabei gewesen sind, mit denen macht, die nicht dabei gewesen sind? Der Zuschauer erfährt es nicht: Am Ende, tragen die Verwandelten Anzüge und weiße Kleider, sprechen gestelzt in ein Bündel Mikrophone, strahlen, winken, bekommen einen Preis, essen im Sonnenschein Hähnchen vor dem Eifelturm und prosten ihrer Lehrerin mit einem Pappbecher voll süßer Brause zu. Ist dies das Happy-End von Buchenwald?

„Die Schüler der Madame Anne“ läuft derzeit in den deutschen Kinos. Zum Beispiel im Ladenkino in Berlin-Friedrichshain. 

Foto: Neue Visionen Filmverleih

FacebooktwitterFacebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.