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Neukölln feiert Filme

Bier auf, Zigarette an, Film ab: Die „Boddinale“ kommt ganz ohne roten Teppich und lange Roben aus. Zeitgleich mit den internationalen Filmfestspielen lädt das Neuköllner Format zum unprätentiösen Festivalvergnügen.

Die Stadt steckt mitten in der Berlinale. Berlin wäre allerdings nicht Berlin, würde fern der roten Teppiche und samtenen Vorhangstoffe nicht auch ein unabhängiges Gegenprogramm zum filmischen Genuss einladen. Schließlich findet Ende März auch wieder eine „Alternative Fashion Week“ statt, die in Technokreisen berühmt berüchtigte „Fuck Parade“ hat ihr kommerzielles, tragisch geendetes Nichtvorbild „Love Parade“ sogar überlebt. Das freigeistige Pendant zu den gerade laufenden „Internationalen Filmfestspielen Berlin“ trägt den charmanten Namen „Boddinale“ und läuft noch bis Sonntag den 15. Februar.

Die dritte Edition der Veranstaltung findet im Club Kaleidoskop und im Loophole statt, in der Boddinstraße eben. Das „Schlupfloch“ ist dem geneigten Neuköllner schon lange als Ort der künstlerischen Begegnung bekannt. Hier finden Konzerte und Ausstellungen, Diskussionen und betrunkene Abende statt. Neukölln eben. Dass auch die Boddinale hier sein perfektes Hintertürchen gefunden hat, wird schnell deutlich.

So riecht Filmgenuss aus. 

Während beim Theater am Potsdamer Platz, das sich die nächsten Tage den Namen „Berlinale Palast“ gefallen lassen muss, Barrikaden zum Schutz vor kreischenden Robert Pattinson-Fans errichtet werden, geht’s im Loophole gemütlich zu. Kleine Räume und das Kaleidoskop ein paar Häuser weiter dienen als Kinosäle, an einer selbst zusammen gezimmerten Bar gibt’s Bier zu Neukölln-Preisen. Es darf geraucht werden. Egal was, verrät ein süßlich würziger Geruch. So riecht Filmgenuss.

Auch Preise werden hier vergeben. Sitzen in der Berlinale-Jury dieses Jahr zum Beispiel Audrey Tautou oder Daniel Brühl, hat auch die Boddinale das passende Preisgericht gefunden: Der in Berlin lebende amerikanische Autor Michael Lederer, dessen Debüt-Roman „Cadaqués“ von einer Gruppe hart trinkender Schriftsteller handelt und der Festival- und Konzertverantsalter Daniel Neun, der laut Boddinale-Website seit Jahren in besetzten Häusern lebt, entscheiden hier über die Vergabe der Awards. Zu bewerten sind Independent Filme unterschiedlichster Genres. Kurz sind sie alle.

Neuköllner Charme-Attacke: Jungs mit Dreadlocks, Mädels mit Piercings und die ein oder andere Technik-Panne

Im Loophole kommen nach jedem Film seine Macher zum lockeren Bühnengespräch aufs kleine Podium. Das wird auch in die anderen Räume des Loophole und ins Kaleidoskop übertragen. Nicht mit einwandfreier Technik, sondern mit Hilfe von Computerfenstern, die an die Wand projiziert lässig hin und her geschoben werden. Das laissez-faire Wechselspiel aus Kurzfilm, Programmübersicht und den Gesprächen zwischen bärtigen Filmemachern samt der ein oder anderen Technik-Panne, sorgt jedes mal für Schmunzeln. So gehört sich das auf einem unabhängigen Film-Festival in Berlins Süden. Da stört es auch nicht, dass während der Vorführungen ständig Jungs mit Dreadlocks und Mädels mit Piercings vor den Bildschirmen vorbei schleichen. Schließlich ist gleich auch das eigene Bier leer und drängt auf Nachschub.

Zurück auf einem der Sofas, Klappstühlen oder einer abenteuerlichen Holzkonstruktion, läuft auch schon der nächste Film: „Elektra“. Uli Römmler hat sich den griechischen Mythos filmisch vorgenommen. Im Vorbild von Sophokles hilft die Tochter des Königs von Mykene ihrem Bruder die Blutrache an Mutter und Stiefvater zu vollziehen. Auch in Römmlers modernen Adaption geht’s blutig zu: Eine Truppe hysterischer Mädchen in weißer Männerunterwäsche trennt einer weiteren Darstellerin mit einer Kettensäge den Arm am und zieht anschließend ein Organ nach dem anderen aus dem blutüberströmten Bauch. Anschließend sitzen die Rächerinnen bei Kaffee und Schwarzwälder Kirschtorte zusammen und zitieren Susan Atkins, die als Mitglied der legendären „Manson Familie“ in den 60ern neun Morde beging. Laut Programm soll das verwackelte Horrorszenario „die Beziehung zwischen Terror und Rache heute“ hinterfragen. Warum die Macher das in einen Splatter-Film verpackt haben, will der Moderator beim folgenden Loophole-Gespräch wissen. „Because everything else is boring“, so die lapidare Antwort. Aha. Nun gut. Nächster Film.

Ein Flamingo schläft seinen Rausch aus.

Es wird gefühlvoller: In sanftes Licht getaucht, eröffnet sich vor den Augen des Publikums die Szenerie einer typischen Berliner Altbauwohnung. Dielenboden, alte Möbel, Pflanzen, die ihre besseren Tage längst hinter sich gelassen haben. Auf der Suche nach einem Weg nach draußen fliegt eine Motte immerzu gegen eine schmierige Fensterscheibe. In den Klang ihres Surrens und Klopfens mischen sich hauchende Stimmen, die das Gezeigte den Film hindurch beschreiben werden: „A bottle of cheap wine, cigarette butts, last night’s dinner…”. Plötzlich verstummt das Flüstern und wird durch Schlafgeräusche ersetzt. Eine grüne Decke hebt sich auf und ab, etwas atmet darunter: Ein Flamingo liegt im Bett der Wohnung und schläft anscheinend seinen Rausch aus. Eine nähere Beschreibung zu „These things, I“ von Stephanie Illouz und Liav Gabay sucht man im Boddinale-Programm vergeblich. Braucht man auch nicht, die Bilder waren von fragiler Schönheit, die Stimmen haben in einen gedankenverlorenen Zustand versetzt. Ein schöner Streifen.

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Schön ist anders! Oder nicht? Kunstwerk von Vermibus aus der Kurzdokumentation „Dissolving Europe“ von Xar Lee.

Was „These things, I“ verspricht, soll auch die folgende Kurzdokumentation halten: „Dissolving Europe“ ist geprägt von schönen Bildern. Der Film von Xar Lee kommt ganz ohne Sprache aus, wartet dafür mit einem hervorragenden Musikkonzept auf. Quer durch Europa begleitet Filmemacher Lee den Berliner Künstler Vermibus. Mithilfe einer Flüssigkeit – einer Art Bleiche vielleicht oder einem aggressiven Reinigungsmittel – entfremdet Vermibus Werbeplakate. Küssende Pärchen, glatte Modelgesichter, Kampagnen von Dior verschwimmen zu grotesken, maskenhaften Figuren. In nächtlichen Aktionen tauscht der Künstler intakte Plakate der Schaukästen von Berlin oder Paris, Amsterdam oder Wien gegen seine bizarren Werke aus. Eine Kritik an Konsum und Schönheitsidealen lässt sich in seiner Arbeit erahnen. Xar Lee hält die Guerilla-Kunstaktionen in satten Farben fest, sucht immer wieder nach reizvollen Perspektiven. „Dissolving Europe“ beginnt und endet mit Kate Moss’ perfekt retuschiertem Gesicht. Zwischen diesen Bildern liegt die Reise des Künstlers. Das Publikum ist sichtlich beeindruckt, Xar Lee wird nach dem Bühnengespräch mit reichlich Applaus bedacht. Ein guter Moment nach Hause zu gehen. Man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist und so.

Bilder: Promo

 

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Kategorie: Film

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