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Futuristische Dystopie à la Gilliam

„The Zero Theorem“ greift Fragen der Zukunftsthematik, des Überwachungsstaats und der menschlichen Existenz auf, um sich als kluger Film durchzumogeln.

Qohen Leth wohnt in einer isolierten Kirche inmitten einer futuristisch dystopischen Stadt. Die Metropole an sich ist völlig überladen und übersättigt. Gilliam-mäßig: hypercrazy and all. Der Protagonist Qohen, der niedlicherweise immer im Plural von sich spricht, ist ein melancholischer Computerprogrammierer und arbeitet für das “Management”, eine diktatorische Corporate-Überwachungsregierung, die gleichermaßen als Arbeitgeber fungiert. Qohen wartet seit ewig auf den Anruf auf seinem Vintagetelefon, der ihm den Sinn seines Daseins erklären soll – als er den Auftrag bekommt, das “Zero Theorem” zu knacken, eine mathematische Formel, die die menschliche Existenz erklären und bedeutungsvoll machen soll. Gleichzeitig wird ihm vom Management eine attraktive Frau geschickt, die ihn ablenken soll. Mélanie Thierry spielt die Spionin.

“The Zero Theorem” heißt Terry Gilliams aktueller Film. Der Regisseur wurde als Schauspieler mit dem legendären Kultkomikerkollektiv “Monty Python” während der 70er Jahre in Großbritannien bekannt und hat die letzten zwanzig Jahre so manch wunderbar skurrilen Film geschaffen: “Brazil”, “The Imaginarium of Dr. Parnassus” oder auch “12 Monkeys”.

Plumpe Dialoge, plakative Zukunftsvisionen

In seiner aktuellen Produktion “The Zero Theorem” spielt Christoph Waltz den Protagonisten Qohen Leth. Einer der Hauptprobleme des Filmes liegt jedoch gerade in seinen Charakteren. Über altbekannte Muster wie etwa den männlichen, zerstreuten Wissenschaftler und der sexy Spionin mit blonden Haaren, die ersteren verführen soll, wagt die Story sich nicht hinaus. Darüber könnte man eventuell noch hinweg schauen, wäre der Rest des Films subtiler gestaltet. Die Dialoge sind flach (“Nichts macht Sinn.“ – “Nein Qohen, alles macht Sinn, und zwar keinen, das ist der Punkt.” – “Was ist der Punkt?”- “Genau!”) und versuchen verzweifelt dem Publikum Ansätze zu verdeutlichen, die es eh schon gerafft hat. Die Charaktere wirken außerdem exzentrisch und unnahbar; man kann sich weder mit Qohen’s rappelnder Psychiaterin, gespielt von Tilda Swinton, noch mit dem Bösewicht des Managements, dargestellt von Matt Damon, identifizieren.

Filmhistorisch kann man den Film bei Dystopien wie “Blade Runner” und Gilliams eigenem “Brazil” einordnen. Nur leider schafft “The Zero Theorem” es trotz dieser Referenzen nicht, als eigenständiges Werk zu funktionieren. Trotz opulentem und aufwendigem Filmdekor fehlt es dem Film letztendlich an grundlegender Tiefe. Er hat den Anspruch, philosophisch zu sein, bleibt aber stark plakativ und wagt sich nicht über eine dualistische Schwarz-Weiß-Sicht hinaus.

Nicht mehr als eine unausgereifte Filmtrope

Es reicht nicht, Fragen der Zukunftsthematik, des Überwachungsstaats und der menschlichen Existenz aufzugreifen, um sich als kluger Film durchzumogeln. Klar, die Suche nach dem Sinn bleibt vor allem in der Postmoderne wichtig. Aber dass der Regisseur den ganzen Film über seinem Protagonisten Sinn verwehrt, um ihn am Ende demonstrativ wieder herzustellen, ist im besten Falle zu simpel – nach dem Motto: “man muss sich erst mit der Sinnlosigkeit verbinden, um Sinn zu finden”. Menschen, die Nietzsche mögen, können mit Gilliams Abgrundssymbolik sicherlich etwas anfangen. Aber die Art und Weise, wie er sie verarbeitet, funktioniert nicht. Diese bedeutungsvolle Überlegung verkommt hier zu einem alten und unglaublich ausgelutschten Gedanken, zur unausgereiften Filmtrope. Diese Pseudophilosophie wirkt abgedroschen, fast ein wenig traurig.  Und das Gefühl, man hätte das alles schon einmal gehört, lässt einen nach dem Film nicht los. Es bohrt sich wahrlich ins Herz. Da hilft auch Waltz’ Talent und seine ausdrucksstarke Mimik nicht mehr.

 

Foto: wegotthiscovered.com

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Kategorie: Film

Gebürtige Luxemburgerin. Viel Zeit zum Studieren und Verweilen in Großbritannien verbracht (Oxford, Manchester). Film-begeistert, Island-fan. Schreibt Lyrik, To-do-Listen und Kulturartikel und liebt Zitronentörtchen.

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