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Von Engeln und Geistern

26 Jahre nach „Der Himmel über Berlin“ führt Wim Wenders seine Faszination mit der Architektur Hans Scharouns in „Kathedralen der Kultur“ fort.

Filmemachen und Gebäude bauen sind zwei Seiten derselben Medaille. In beiden Metiers werden Konzepte auf Papier gebracht, daraus entstehen Entwürfe, Storyboards oder Drehbücher. Die anschließenden Bau- oder Dreharbeiten sind mühsame, wenngleich lohnende Kraftakte, die in beiden Fällen ein hohes Maß an Personal erfordern. Ist das Haus oder der Film einmal fertig, beginnt die Phase der öffentlichen Rezeption.

Als Verbindungsanker zwischen Film und Architektur kann Wim Wenders gelten. In seinen Filmen spielen Bauten seit jeher eine wichtige Rolle, vor allem Orte der Konzentration und Introspektion, sei es der intime Privatraum einer Striptease-Bar in Paris, Texas oder der weite Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek in Der Himmel über Berlin. Im Fall der Bibliothek ist es zwar ein Riesen-Raum, der aber dennoch genug Platz für Intimität bietet. Und Wenders weiß ihn zu nutzen, wenn er in seinen Filmen Räume zum Leben erweckt.

Mit der Frage, ob Bauten Seelen haben, hat sich Wenders immer wieder auseinandergesetzt. In seinem neuesten Film, dem Beitrag zum Dokumentarfilm Kathedralen der Kultur, an dem noch fünf weitere Filmemacher mitgewirkt haben, geht er der Sache poetisch auf den Grund. Als Gegenstand seiner Sequenz  hat er die Berliner Philharmonie gewählt. Der Trick ist: Hans Scharouns „Krönung seines Schaffens“ wird eine weibliche Stimme verliehen. Damit erhält die Philharmonie einen menschlichen Charakter, sie spricht zu uns. Die Stimme führt den Kinobesucher durch die verschiedenen Bereiche der Philharmonie und funktioniert wie ein privater Reiseführer – aufschlussreich, geistreich und witzig. Man ist abhängig von ihr und betrachtet durch dieser Humanisierung den Ort weniger als Gebäude, sondern mehr als Person. Das alles zeigt, dass auch Gebäude ihre Besucher betrachten, nicht nur umgekehrt.

In Kathedralen der Kultur wird Hans Scharoun als Vater der Philharmonie bezeichnet. Der Architekt taucht daher mehrmals als schwarz-weiß Hologramm auf, das quasi durch das Gebäude geistert. Es ist eine ausgefallene optische Idee und erinnert an Wenders früheren Film Der Himmel über Berlin (1987), in dem sich zwei Engel in Henri Alekans schwarz-weiß fotografiertem Berlin wiederfinden und darüber philosophieren, wie es wäre, sterblich zu sein.

Der Himmel über Berlin und Kathedralen der Kultur haben nicht nur diese freundlichen Geister gemeinsam,  Hans Scharoun selbst ist die Verbindung. In Himmel über Berlin  spielt das von ihm gebaute Haus der Staatsbibliothek zu Berlin an der Potsdamer Straße eine prominente Rolle. In der Sequenz in der Staatsbibliothek sieht man Damiel und Cassiel, gespielt von Bruno Ganz und Otto Sander, wie sie durch die Bibliothek laufen und die Gedanken der Besucher lesen. Eine weitere Verbindung  sind die auch in Himmel über Berlin vorkommenden Stimmen. Da die Engel Hellseher sind, hört man aus ihrer Perspektive die Gedanken der einzelnen Berliner. Ähnlich wie bei der weiblichen Philharmonie-Stimme bekommt auch die Staatsbibliothek durch das flüsternde Getuschel eine Seele.

Doch nicht nur ihr Erbauer, auch die Gebäude selbst verbindet viel. Bemerkenswert an der Sequenz in der Philharmonie ist der kurze, aber profunde Satz „Von außen seh ich klein aus – aber innen bin ich sperrangelweit.“ Diesen Aspekt nimmt man an Häusern normalerweise nicht wahr – in Kathedralen der Kultur  wird er durch den Einsatz der 3D-Technik verdeutlicht. Wenders schwebt mit der Kamera durch das gesamte Gebäude und vermittelt dem Zuschauer dessen wahre Größe. Am eindrucksvollsten ist die Einstellung,  in der die Kamera die Treppen zum Bühneneingang hochgleitet. Hier kann man mehrere Ebenen auf einmal sehen, den unteren Eingangsbereich wie auch das obere Stockwerk. Später ist man dann im Konzertsaal, der sowohl von den Rängen als auch von der Bühne aus gefilmt wird, wodurch eine bemerkenswerte Raumtiefe entsteht. Auch einzelne Protagonisten werden  vorgestellt, wie der Hauselektriker oder Chefdirigent Sir Simon Rattle. Mit dem Elektriker verlässt die Kamera das Haus und begleitet ihn  zum Dach, wodurch eine weitere Größendimension eröffnet wird. Der Dirigent hingegen wird ganz aus der Nähe über der Schulter gefilmt und beim Betreten und Verlassen der Bühne begleitet. Dadurch wird die Intimität inmitten eines großen Ortes unterstrichen, da Rattle, von allem umgeben, denoch in seiner eigenen Welt ist.

Der Gedanke, Gebäude seien von innen wesentlich größer als von außen, wird schon in Der Himmel über Berlin spürbar. Obwohl Wenders Ende der 80er Jahre die 3D Technik, wie er sie heute benutzt, nicht zur Verfügung steht, macht er schon in der anfänglichen Kamerafahrt die imposante Größe des Lesesaals der Staatsbibliothek deutlich. In einer Einstellung, wo die Kamera von einer halbnahen Einstellung von Damiel zu einer totalen Einstellung auf Cassiel schwenkt, der von einer höheren Etage nach unten blickt, bemerkt man die Tiefe des Gebäudes. Es wäre sicherlich eine interessante Überlegung, heute den Filmin 3D zu konvertieren, um solche Momente der Raumwahrnehmung noch eindringender zu machen. Wenders wäre sicherlich dafür, da er seine Filme seit Pina nur noch in 3D dreht.

Wie die Philharmonie in Kathedralen der Kultur  zum eigenen Charakter wird, so ist auch die Staatsbibliothek in Der Himmel über Berlin eine eigene Figur. Und beide verbindet der gleiche demokratische Geist. Die Philharmonie wurde von Scharoun so konzipiert, dass man von jedem Sitz aus eine gleich gute Sicht erhält. Dadurch wird das Gefühl einer Gemeinschaft, einer Gesellschaft erzeugt. Keine einzige Person kann sagen, sie habe einen besseren Sitzplatz als die andere. Diese Idee lässt sich auch auf die Staatsbibliothek übertragen. Damiel und Cassiel sehen im Lesesaal verschiedenartige Menschen. Es werden sowohl ältere Menschen gezeigt als auch Kinder. Es lernt dort eine türkische Frau mit Kopftuch, und man hört jemand auf hebräisch lesen. Aufgrund der Symmetrie der Schreibtische im Saal wird ebenfalls eine gewisse Gesellschaft erzeugt, wo jeder irgendwo gleich ist.

Wenn Filme machen dasselbe ist wie Gebäude bauen, dann lassen sich Gebäude wie Filme analysieren. Möglicherweise ist es genau das, was Wenders so sehr an Architektur fasziniert.

 

Foto © Filmstill aus „Himmel über Berlin“

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