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Karl der Große… äh Lagerfeld

Wenn die Worte „Deutschland“ und „Mode“ in einem Satz gebraucht werden, kann das nur einen Grund haben: Karl Lagerfeld. Eine Verbeugung. Von Ann-Kathrin Riedl.

Wie „deutsch“ ist Karl Lagerfeld eigentlich? Kann ihm, dem immerzu umtriebigen Weltbürger, überhaupt eine Nationalität zugerechnet werden? Passen Adjektive wie „deutsch“ oder wahlweise auch „französisch“ überhaupt zu einem Menschen, der sich ansonsten jeglicher Beschreibung entzieht? Von dem wir selbst nach hunderten Interviews, Fernsehauftritten und Biographien noch immer nicht wissen, wer er eigentlich wirklich ist? Wohl eher nicht.

Fest steht aber: Karl Lagerfeld ist eine weltweite Ikone. Ob in Europa, Amerika oder Asien – wo Karl aus seiner Limousine steigt, erzeugt er Hysterie. Es gab und gibt nicht viele Deutsche, die diesen Status erreicht haben. Und niemanden außer Karl Lagerfeld, dem dies innerhalb der Welt der Mode gelungen wäre. Einer Welt, in der Deutsche nicht eben zur Mehrheit zählen. Natürlich wabbern irgendwo im Dunkeln noch die Namen Wolfgang Joop und Jil Sander umher. Doch keiner von Beiden hat jemals diesen Superstar-Status erreicht wie Karl der Große.

Wie schaffte es ein Junge aus Norddeutschland auf den Thron der Modewelt, wo er sich bereits seit Jahrzehnten unangefochten hält? Wie kommt es, dass er heute einen gestützten Bekanntheitsgrad von 96 Prozent besitzt und eine weltweite Fangemeinde Karl dem Großen huldigt wie einem mittelalterlichen Kaiser? Dass wir diesen Menschen allein anhand seiner charakteristischen Silhouette erkennen, die auf dutzende Produkte rund um den Globus gedruckt wird, weil sie enorme Verkaufszahlen verspricht?

Man muss seine Heimat verlassen, um über sie hinauszuwachsen

Karl Lagerfelds Herkunft jedenfalls ist „urdeutsch“. Er wächst in einem herrschaftlichen Anwesen in Hamburg Blankenese auf, später auf dem nicht weniger herrschaftlichen Gutshof Bissenmoor in Bad Bramstedt. Sein Vater produziert Kondensmilch, er ist Eigentümer der Firma „Glücksklee“. Noch heute beginnt Karl Lagerfeld seine Sätze gelegentlich mit „Ich als Hamburger Pfeffersack…“. Doch in das driste Nachkriegsdeutschland passt kein Junge mit großen Visionen und noch größerer Kreativität. „Hamburg ist das Tor zur Welt, aber eben nur das Tor. Und da musst du raus“, trichtert Mutter Lagerfeld ihrem Kind schon früh ein. „Hier kannst du nur Zeichenlehrer werden – und dafür bin ich nicht neun Monate lang schwanger gewesen.“ Der kleine Karl erlernt also mit Hilfe von Hausunterricht perfektes Französisch und macht sich mit 18 Jahren auf nach Paris. Nach Deutschland sollte er ab diesem Zeitpunkt nur noch als Gast zurückkehren.

In Paris gelingt Karl Lagerfeld – ganz ohne Schneiderausbildung – eine Karriere, wie sie bis heute kein anderer deutscher Designer geschafft hat. Den Startschuss gibt ein Talentwettbewerb, bei dem er 1954 den Preis in der Kategorie „Bester Mantel“ gewinnt. Das öffnet Türen und es folgen Stationen bei den bedeutendsten französischen Modelabels. Bis Karl 1983 bei dem traditionsreichen, aber leicht angestaubten Modehaus Chanel landet. Karl soll das Image der Marke aufpolieren, doch ihm gelingt noch viel mehr: Unter seiner Führung rückt Chanel in das Zentrum der Modewelt und zählt heute zu den fünf wertvollsten Luxusherstellern der Welt mit einem Jahresumsatz von 6,3 Milliarden US-Dollar.

Chefdesigner eines solchen Hauses zu sein, würde manch anderen Modeschöpfer bereits an die Grenzen des Leistungsvermögens bringen – nicht jedoch Karl Lagerfeld. Neben Chanel designt er für das Luxus-Label Fundi und für seine eigne, günstigere Linie „Karl Lagerfeld“ mit mehreren Unterlinien. Allein diese Betätigungen zusammengerechnet, ergeben zehn Kollektionen pro Jahr, für die er die kreative Verantwortung trägt. Hinzu kommt eine schier endlose Liste an „Nebenprojekten“: Lagerfeld stattet Hotels und exklusive Wohnanlagen aus, betätigt sich als Karikaturist und gestaltet ganze Zeitungsausgaben, er entwirft heute Bühnenoutfits für Madonna und morgen für Opernsänger der Mailänder Scala. Außerdem ist er der Meister der Kooperationen: Schmuck, Gläser, Füllfederhalter… Die Frage ist, welche Luxusmarke noch nicht mit ihm zusammengearbeitet hat. Ganz nebenbei verlegt er über den eignen „LSD“-Buchverlag Literatur, Kunst- und Fotobände – die er selbst befüllt hat. Denn man darf nicht vergessen: Fotograf und Zeichner ist Karl Lagerfeld auch noch. „Ich kenne keinen Stress, nur Strass“, tut er dieses Arbeitspensum nonchalant ab. „Wer gestresst ist, der macht etwas falsch. Den amüsiert seine Arbeit nicht.“ Im Karl-Universum ticken die Uhren eben anders. Und das zahlt sich aus: Karl Lagerfeld gehört zu den mächtigsten Figuren der Modebranche. Es gibt nur Weniges, in dem er nicht seine Finger hätte. Und keine Karriere ist in der Modewelt möglich, wenn man es sich mit Karl dem Großen verscherzt.

„Ich heiße inzwischen nicht mehr Lagerfeld, sondern Logofeld.“

Kaum ein Mensch ist je so sehr zur Marke geworden wie Karl Lagerfeld. Spielzeugfiguren, Steiff-Teddys und jeden erdenklichen Gebrauchsgegenstand gibt es inzwischen in Karl-Optik zu kaufen. Warum? Weil Lagerfeld weiß, was die Elite will. Und er weiß, was die Masse will. Beide Welten kann er problemlos bedienen, scheinbar mühelos bewegt er sich zwischen Exklusivität und Popularität hin und her. Dazwischen gibt es für ihn keinen Widerspruch – was interessant ist, wird ausprobiert. Immer neugierig und nie snobistisch ist er ständig auf der Suche nach dem Neuen. Was der Zeitgeist verlangt, weiß Karl Lagerfeld früher als jeder andere Designer. Auf der anderen Seite gleicht er inmitten der sich ständig wandelnden Modewelt einem Fels in der Brandung. Nichts scheint ihn aus der Bahn werfen zu können. Was andere Menschen in der Branche nach unten reißt, prallt an ihm ab. Bunte-Chefreporter Paul Sahner bezeichnet ihn gar als „Prototypen der Unverwüstlichkeit.“

Doch das ist nur einer von vielen Charakterzügen, welche die Person Karl Lagerfeld so spannend machen. Seine Sichtweisen stoßen viele Menschen vor den Kopf, aber genau das macht seine Faszination aus. Kein anderer Designer löst auch bei mode-desinteressierten Menschen so viel Emotion aus. Selbst Schriftsteller Martin Walser beschäftigt sich mit ihm. In einem Gespräch mit Paul Sahner kommt es einst zu folgendem Dialog: Sahner erzählt von dem Plan, einem großen Deutschen eine Biographie zu widmen. Er schwankt zwischen Karl Lagerfeld und Boris Becker. Walser rät ihm „Boris Becker verkörpert nicht die Spur eines Romanhelden, weil er ein Buch ist, das man schon gekannt hat, bevor man es aufschlägt. Lagergeld aber hat das Zeug. Weil er kompliziert ist und sich nicht einfach erschließt, weil er voller Widersprüche zu sein scheint, die einen interessieren können.“ In den nächsten Jahren begleitet Paul Sahner den Designer in alle Ecken der Welt und beschreibt seine Eindrücke auf 443 wunderbar unterhaltsamen und tiefgründigen Seiten. Wirklich hinter die Fassade schauen lässt Karl Lagerfeld aber auch ihn nicht. Am Ende des Buches ist man so schlau wie zuvor.

Dennoch lag Walser mit seinem Ratschlag richtig. Lagerfeld ist der wohl bekannteste Deutsche in der Ferne, hat aber nie die Bindung zu seinem Herkunftsland gekappt. Er bleibt auch hier allgegenwärtig. Und so sind die wenigen Wahrheiten über Karl Lagerfeld, derer man sich absolut sicher sein kann: Dass er für immer als Säulenheiliger über allen (deutschen) Designern aufragen wird. Dass Deutschland mit ihm eines Tages einen seiner wenigen Weltstar verlieren wird. Und die Modewelt eine Persönlichkeit, wie es sie kein zweites Mal gibt. Doch bis zu diesem Tag kann es zum Glück noch dauern, denn Karl Lagerfeld wird mit seiner unermüdlichen Energie weiterarbeiten bis es – nach den Worten Carla Brunis – „irgendwann Bum macht und er fällt um.“

 

Titelbild: Stéphanie Moisan Via Flickr unter CC BY-NC-SA 2.0, Bearbeitungen vorgenommen

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