Bühne
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Zwischen Raum und Zeit

Castorf-Inszenierung

Nach 25 Jahren an der Volksbühne inszeniert Frank Castorf wieder am Berliner Ensemble und versetzt Victor Hugos Les Misérables nach Kuba – mit Voodoo und Castro. 

Nach einer halben Stunde­­ – vielleicht ist auch schon eine Stunde vergangen, wer weiß das so genau – lautes Pöbeln von draußen. Ein Störenfried schreit wüstes Zeug, „Fotze“ und irgendwas mit „Behindertenparkplatz“ brüllt er, stört das Theaterpublikum, kommt schließlich herein gerauscht und wendet sich an eine Dame im eleganten Abendkleid: „War ich zu laut draußen? Is das ne geschlossene Gesellschaft, oder was?… Will doch nur sitzen… Machen se ruhig weiter, ich sitz hier am Rand“. Dieser Unerwünschte, der ein jeder von der Gesellschaft Ausgestoßene sein könnte, ist der Sträfling Jean Valjean. Keine andere Waffe als seinen Hass habe er, dem Wesen nach sei er nicht schlecht, doch im Gefängnis habe er gespürt, wie er böse wurde.

Die Figur des Jean Valjean ist gespielt von Andreas Döhler, der den nach 19 Jahren Haft Verrohten darstellt, wie ein verunsichertes, wildes Tier. Unruhig wirkt dieser Jean Valjean, er scheint seine Verlorenheit durch eine dahingeleierte Flapsigkeit überspielen zu wollen. Einer der nicht weiß, wie er sich wieder in die Gesellschaft integrieren soll. Später wird er durch die Großherzigkeit des Bischofs von Digne bekehrt und gilt von nun an als Sinnbild des Guten. Ins Gedächtnis meißelt sich folgende Szene zwischen Valjean und seinem Antagonisten: Der gesetzesversessene Inspektor Javert gesteht, ihn zu Unrecht verdächtigt zu haben, der Sträfling Jean Valjean zu sein. Während er spricht, klingelt ein Telefon, ewig lang zieht sich das Klingeln, es will einfach nicht aufhören. Immer wahnsinniger macht es einen, die Füße schwitzen, die Nackenhaare stellen sich auf, das Klingeln füllt den ganzen Kopf aus, bis man die Worte nicht mehr versteht.Es ist der berüchtigte Castorf-Moment der körperlichen und geistigen Erschöpfung, der einen völlig auf die Sinne zurückwirft. Eindrucksvoll ist auch Stefanie Reinsperger, die als schminkverschmierte, grausame Madame Thénardier einen furiosen, fast tollwütigen Monolog in die Kamera braust – Castorf arbeitet wieder mit Leinwand – und dafür Szenenapplaus bekommt. Mit Fantine, gespielt von Valery Tscheplanowa, liefert sie sich einen erbarmungslosen raubkatzenartigen Schlagabtausch, bei dem beide sich völlig in Rage spielen.

Soweit sehr nachvollziehbar Victor Hugo. Doch was hat es mit dem berauschend evokativen Bühnenbild von Aleksander Denić auf sich? Die Drehbühne zeigt ein Gefängnis mit dem Bild Fidel Castros, einen Obststand mit Leuchtreklame, des Weiteren einen Kolonialbau und das Büro einer Zigarrenfabrik. Auch die Handlung unternimmt zahlreiche Exkursionen in die atmosphärische Mysterienwelt Kubas: Die elende Fantine braucht Arzneien für ihre Tochter Cosette. Brutal, Blut spritzend reißt sie sich die Zähne aus und verkauft sie samt Haaren an einen Mediziner, der ein grausames Voodoo-Ritual vollzieht. Der böse, geldgierige Thénardier wird zum mafiösen US-Gangster Meyer Lansky, der in den 50ern auf Kuba sein Unwesen trieb und es wird Zigarre geraucht. Hinzu kommen – so heißt es im Programmtext – Passagen aus dem Kuba-Roman Drei traurige Tiger von Guillermo Cabrera Infante, wichtige Figur der kubanischen Revolution. Dann wieder ein Auszug aus einer Rede von Victor Hugo, die er 1870 an die Kubaner richtete, um sie in ihren Unabhängigkeitsbestrebungen zu bekräftigen.

Befinden wir uns auf den von Kriminalität und Prostitution beherrschten Straßen von Paris im 19. Jahrhundert oder doch in den Casinos im Havanna der 1950er? Das ist streckenweise verwirrend und erschließt sich nicht so wirklich, doch immer wieder findet die Handlung zurück zu Les Misérables, das in dieser Komposition aus unterschiedlichen Orten, Texten und Personen den roten Faden gibt, an dem man sich entlanghangeln kann, während man zwischen Raum und Zeit schwebt. Die Französische und die Kubanische Revolution verschmelzen. Und was bleibt? Es ist der Gedanke an die in beiden unverwirklicht gebliebenen Ziele: Die schockierende und tragische Erkenntnis, dass auch die Revolution, mit ihrem Wunsch nach Auslöschung von Elend und Krieg, am Ende immer wieder gescheitert ist und nur zu mehr Terror führt.

Gegen Ende rezitiert der große Jürgen Holtz eine hoffnungsvolle Rede vom „Verschwinden der internationalen Feindschaften“, die Victor Hugo 1849 beim Friedenskongress in Paris hielt. Es ist diese Rede, die einen fast zu Tränen rührt, scheint dieses Ziel doch trotz der zwei erschütternden Weltkriege, die Hugo nicht mehr erleben sollte, noch heute in weiter Ferne. Daran, so erweckt es den Eindruck, will Castorf uns zeigen, dass die Revolution nie zu Ende geht. Immer wieder müssen wir gegen Krieg und Elend und für eine bessere Welt kämpfen.

Les Misérables, Berliner Ensemble, nächste Vorstellungen am 22. und 23.2., weitere Infos unter: https://www.berliner-ensemble.de/inszenierung/les-miserables

Foto: Charlotte von Bernstorff

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