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Mitgefühl für Anfänger

Momentaufnahme aus dem Theaterstück "The Situation" im Maxim-Gorki-Theater

Im Theaterstück „The Situation“ im Maxim-Gorki-Theater in Berlin führt Yael Ronen Regie und erteilt dem Publikum eine Lektion in Sachen Menschlichkeit.

Erste Lektion: Wer bist du? Woher kommst du? Ganz normale Fragen, die jeder, der schon einmal einen Sprachkurs besucht hat, bis zum Verdruss kennen gelernt hat. Sie gehören zum Standardrepertoire und werden herunter gerattert, um möglichst schnell mit der nächsten Lektion weitermachen zu können. Dabei sind doch Fragen nach Identität und Herkunft stets auch heikel, denn hinter jeder solchen Frage steckt ein Schicksal, eine Geschichte, oder zumindest: eine Situation. Im Theaterstück „The Situation“ im Maxim-Gorki-Theater führt Yael Ronen Regie und erteilt dem Publikum eine ordentliche Lektion in Sachen Menschlichkeit.

Das Stück lässt seine Zuschauer an einem Deutschsprachkurs mit Untiefen teilhaben. Es teilt sich daher in Lektionen statt in Akte auf. Schauplatz ist eine Schule in Neukölln, die auf der Bühne als große quietsch-gelbe Treppe dargestellt wird. Die darauf sitzenden Kursteilteilnehmer kommen aus Syrien, Palästina und Israel – eine Zusammenstellung, die im Hinblick auf die politische Lage brisanter nicht sein könnte. Menschen, die aufgrund ihrer religiösen Hintergründe verfeindet sein könnten, sitzen dicht nebeneinander und haben ein gemeinsames Ziel: ein sicheres Leben führen.

Nicht nur ihre neue Heimatstadt Berlin verbindet sie, sondern auch Fluchterfahrungen. In abwechselnden Monologen teilen sie ihre Geschichten und tauschen sich über Klischees und Vorurteile aus. Geleitet wird der Kurs von Stefan, dem Prototyp eines Deutschen. Er versucht sich als neutraler Streitschlichter unter seinen Schülern. Er wirkt komplett ahnungslos im Hinblick auf die politischen und religiösen Konflikte des Nahen Ostens. „Hast du Kontakt zum IS?“, fragt er verängstigt einen Syrer. Als dieser im ironischen Ton mit „Ja, natürlich“ antwortet, folgt prompt die Frage, ob er den Kontakt über Skype halte.

Das Gefühl entlarvt worden zu sein

Die Komik ist bitterböse und vermittelt eine simple Botschaft: Wir sind alle ahnungslos und urteilen anhand der wenigen Informationen, die wir aus den Medien erhalten. Gerade durch die überspitzte Komik schafft es Yael Ronen, den Zuschauer immer wieder zu überraschen und beim „vorurteilen“ zu entlarven. Gegen Ende offenbart Stefan, dass er gar kein Deutscher sei. Er sei lediglich zu einem „Meisterwerk der Integration“ geworden, nachdem er mit acht Jahren aus der Sowjetunion geflüchtet war. Ihre Botschaft: Herkunft, Sprache und Aussehen sagen noch lange nichts über einen Menschen aus. Die Regisseurin ist bekannt für ihren schwarzen Humor im Umgang mit historischen Konflikten. Auch in diesem Stück verzichtet sie auf politische Korrektheit und lässt die Darsteller unverblümt über „Nazis“, „Schwule“ und Genderklischees witzeln.

„The Situation“ zeichnet sich durch Glaubwürdigkeit der Charaktere und Konstellationen aus. Alle Schauspieler haben ihren Anteil daran, nicht zuletzt, weil sie auch jeweils einen persönlichen Bezug zum Nah-Ost-Konflikt haben. Besonders der Sprachmix aus Deutsch, Englisch, Arabisch und Hebräisch lässt das Bühnenwerk authentisch wirken. Auch die Auswahl der Kostüme ist durchdacht. Während die Protagonisten in den ersten Lektionen noch in ihren jeweiligen Landesfarben gekleidet sind, wechseln sie gegen Ende, passend zu einer „Zukunft“ überschriebenen Lehrstunde, ihre Kleidung und erscheinen einheitlich in Weiß. Denn die Zukunft soll doch friedlich und neutral sein … eine vielleicht etwas naive Vision.

Dennoch: Herzliches Lachen, Tränen der Ergriffenheit und das unangenehme Gefühl entlarvt worden zu sein –  es ist unmöglich in den 90 Minuten einem Gefühlschaos zu entkommen. „The Situation“ ist nichts für Menschen, die nicht über die Begrenztheit ihres eigenen Wissens oder Mitgefühls lachen können. Das Stück zwingt dazu hinzusehen und zu erkennen, dass nicht nur die „Situation“ dramatisch ist, sondern auch die Art, wie wir mit ihr umgehen.

Foto: Ute Langkafel/ MAIFOTO

 

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