Bühne, Gesellschaft
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Schluss mit dem Theater!

Die deutsche Theaterlandschaft befindet sich im Umbruch: Fusionen, Spartenschließungen, Sparmaßnahmen und stagnierende Zuschauerzahlen sind nur die sichtbaren Zeichen einer tiefgreifenden Legitimationskrise, die das Theater durchläuft. Thomas Schmidt, Leiter des Studiengangs Theatermanagement in Frankfurt und lange Jahre geschäftsführender Direktor am Nationaltheater Weimar, fordert in seiner viel diskutierten Publikation „Theater, Krise und Reform“ eine Neuaufstellung der Theaterstrukturen.   

Kulturschwarm: Herr Schmidt, Sie sagen, dass das deutsche Theatersystem dringend reformiert werden muss. Warum?

Thomas Schmidt

Das Theater steckt in einer tiefen Krise, was sein Verhältnis zur Gesellschaft betrifft. Die Gesellschaft nimmt das Theater nicht mehr als das wahr, was es sein könnte, sondern sieht nur das Bild, das das Theater von sich selbst hat. Jenseits dieser Wahrnehmungsproblematik gibt es ganz sichtbare Zeichen der sinkenden Legitimation. Ein Indikator für die abnehmende Liebe ist die Förderung, die seit 1960 stagniert. Wir haben auch eine stagnierende Zahl von Zuschauern. Es wird ja oft gesagt, es gäbe eine Finanzkrise. Wir haben es aber mit einer Legitimationskrise zu tun, aus der sich dann das Finanzproblem ableitet. Wir haben die eigentliche Dimension bisher dahingehend verkannt, dass das viel dringlichere Problem des Theaters, nämlich das Strukturproblem, immer verdeckt war. Aus meiner langen Beschäftigung mit Strukturen und Strukturreformen habe ich das Reformmodell eines Stadttheaters entwickelt, das den Schauspieler, das Ensemble in den Mittelpunkt stellt, nicht mehr den Intendanten.

Inwieweit ist das Theater für die gescheiterte Liebesbeziehung zu seinem Publikum selbst verantwortlich?
Das Theater hat sehr spät erkannt, dass es sich dem Publikum und auch anderen wichtigen Gruppen der Gesellschaft anders als bisher zuwenden muss. Das Theater geht immer davon aus, dass etwas für das Theater geschieht. Dass die Fördermittel kommen, dass die Zuschauer kommen, dass die Politik das Theater lieben muss. Es ist aber umgekehrt. Es beruht immer auf einem Wechselverhältnis.

Würden Sie sagen, dass der Vorwurf, das Theater würde sich in einem Elfenbeinturm verschanzen, zutreffend ist?
Ich sehe das Problem nicht im künstlerischen Bereich. Ich sehe die Problematik eher im strukturellen Bereich. Nehmen wir mal das Thema audience development. Das Theater hat vor etwas mehr als zehn Jahren entdeckt, dass audience development geschehen muss. Aber mittlerweile hat sich die Welt weiter gedreht und alles was unter den Begriff Audience fällt auch. Das Theater verharrt aber in seinen Strukturen und sieht nicht, dass es auch diesen einen Schritt weiter gehen müsste, oder schon längst zwei, um seine Stakeholder zu  erreichen. Dazu sind aber die Strukturen zu unbeweglich. Ich meine nicht neoliberale Strukturen, sondern einfach eine höhere Beweglichkeit im Bereich der Leitung und der Administration der Prozesse. Die künstlerischen Formate und neuen Ästhetiken sind da. Aber die Ankopplung an die gesellschaftliche Wirklichkeit ist nicht gegeben.

Wenn man den Begriff audience development hört, bekommt man gleich Angst, dass es um Anbiederung an das Publikum geht.
Wozu machen wir Theater? Theater hat die Aufgabe, für ein Publikum zu arbeiten. Stellen Sie sich einen Verleger vor, der sagen würde, meine Bücher sind nicht für die Leser da?

Trotzdem ist ja gerade der Sinn der Förderung die künstlerische Unabhängigkeit und nicht der wirtschaftliche Erfolg.
Bei diesen Analysen wollen wir auch nicht herauskriegen, welches Stück am besten läuft, darum geht es gar nicht. Wir möchten herausfinden, wer die Menschen sind, die ins Theater gehen und warum sie ins Theater gehen. Bisher wird das Publikum als relativ homogen innerhalb der großen Schichtungen aufgefasst, aber wir wollen ja etwas erfahren über die Menschen, die dort sitzen. Was sind deren Lebensbilder, wo können wir anknüpfen, um einen Berührungspunkt mit dem Theater herzustellen? Ich habe manchmal die Sorge, ob nicht die Angst vor dem, was uns am Ende der Analyse erwartet, so groß ist, dass sie uns daran hindert, sie zu machen. Denn ein Ergebnis könnte zum Beispiel sein, dass wir die Jugendlichen, für die wir Theater machen, mit zwanzig für die nächsten vierzig Jahre verlieren. Es kann sein, dass wir diese Gruppe, die die wichtigen Werteträger unserer Gesellschaft sind, überhaupt nicht mehr ansprechen.

Provokant gefragt: Was spricht überhaupt für den Erhalt des Theaters?
Theater wird sehr stark unterschätzt. Theater ist eine der wichtigsten Kulturtechniken, die noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung ist. So wie auch die Literatur, der Film, die bildende Kunst, die Architektur nicht am Ende sind. Die Künste entwickeln sich so lange, wie wir uns als Menschen entwickeln. Die Erfahrbarkeit, das Erleben von Geschichten, auch von dekonstruierten Narrationen, die kann man im Theater ganz anders wahrnehmbar machen. Darüber hinaus wäre es einfach dumm, wenn wir diese Infrastruktur, die wir ja zur Verfügung haben und mit der wir uns kulturpolitisch immer so gerne brüsten, aufs Spiel setzen. Wir sollten sie nutzen und die wenigen Rädchen, die es braucht, damit das wieder rund läuft, einfach drehen. Es ist ja eine Reform, es ist keine Revolution. Wir wollen ja die Kirche erhalten, um mit Luther zu sprechen, wir wollen sie nicht zerstören. Es geht tatsächlich darum, die Potenziale, die Theater hat, für alle erfahrbar zu machen.

Was sind die Eckpfeiler dieser Reform?
Es geht vor allem darum, das intendantenzentrierte Leitungsmodell aufzulösen und in eine Art Direktorium zu überführen. Das Ensemble, das jetzt um den Intendanten kreist, muss ins Zentrum rücken. Bisher war es ein Dienstleister für den Intendanten, dabei muss es umgekehrt sein. Wir hätten dann ein demokratisches, teamorientiertes Modell ein Theater zu leiten und könnten gleichzeitig die Partizipation der Kolleginnen und Kollegen des Ensembles sicherstellen.

Was ist denn an der Figur der Intendant*in so schlimm?
Die Hauptproblematik besteht in der Entkopplung der Kommunikationsprozesse zwischen Leitung und Ensemble, was man als kommunikatives Vakuum beschreiben kann. Keiner sagt dem Intendanten mehr die Wahrheit, aber er glaubt, dass alle ihm folgen. Und dabei folgen sie ihm oft nur aus Angst. Ich sage nicht überall. Ich sage, in etwa der Hälfte aller Theater ist das so. Der Intendant steckt seine Energie zunehmend in das Management des Hauses, in die Präsentation, Repräsentation, Lobbyarbeit und in tausend andere Aufgaben. Er kann dann künstlerisch gar nicht mehr so gut arbeiten und gestalten, wie er könnte und müsste. Dadurch entsteht eine Art Mittelmäßigkeit, und das hat den Effekt, dass solche Intendanten künstlerisch nicht mehr als vollwertig anerkannt werden, weder vom Ensemble, noch von der Kulturpolitik.

Was meint die Partizipation des Ensembles genau? Wird es auch inhaltliche Entscheidungen treffen?
Es geht eher darum, dass Zustimmungsprozesse glattlaufen. Der Spielplan wird dem Ensemble rechtzeitig so vorgestellt, dass es ein Veto einlegen kann. Besetzungsvorschläge werden dem Ensemble vorgestellt, bevor eine endgültige Entscheidung getroffen wird. Die Grundbedürfnisse müssen sichergestellt werden: Gagentransparenz, freie Zeiten, Besetzungslisten, Spielpläne, Disposition.

Es gibt ja Fälle, in denen künstlerisch inakzeptable Regisseur*innen immer wieder an ein Haus kommen, obwohl das Ensemble schon seit Jahren deutlich kommuniziert hat, dass es mit ihm oder ihr nicht mehr arbeiten will. Da hätte dann das Ensemble also ein Veto-Recht.
Das Ensemble hat dann ein Veto-Recht. Es muss dann auch zusammenstehen, da darf es dann keine Ausreißer geben. Der artistische Direktor wird jemand sein, der in erster Linie Vorschläge macht und sich mit dem Ensemble darüber berät. Da geht es nicht mehr um die Frage, Bist du mein Freund oder nicht? sondern: Was passt am besten in unser Programm? und zwar mit unserem Ensemble und mit dem einzigen  Ziel, das Haus und das Ensemble künstlerisch nach vorne zu bringen. Der künstlerische Leiter steht hintenan, die eigene Profilierung ist nicht mehr Ziel der Sache. Das hat sich leider alles sehr verkehrt, da waren die Companies unter Shakespeare oder Molière schon viel weiter. Selbst in der höfischen Zeit hatte man einen Schauspielerausschuss, der dem Intendanten die Besetzung und die Stücke vorgeschlagen hat. Die Frage ist doch: Wollen wir ein künstlerischer Betrieb sein oder eine Bürokratie?

Das würde bedeuten, dass den Schauspielern mehr Verantwortung zukommt, als es jetzt der Fall ist.
Demokratie heißt immer auch, eine Aufgabe in der Gemeinschaft zu übernehmen. Das funktioniert nur, indem der Schauspieler mehr Aufgaben übernimmt als auf dem engeren Aufgabenzettel des Schauspielers stehen. Das heißt, wir werden es in Zukunft mit selbstbewussteren Schauspielern zu tun haben, die auf Augenhöhe mit künstlerischen Direktoren zusammenarbeiten. Wir müssen dahin kommen, dass Intendanten zu einem Ensemble sagen, ich will zu Euch kommen, weil ich genau mit Euch arbeiten möchte. Das ist einer der Kernpunkte dieser Reform, dass Schauspieler emanzipiert sind und nicht mehr in einer so starken Abhängigkeit zur Leitung stehen.

www.ensemble-netzwerk.de

Wie kann man diese Impulse in die Theater bringen?
Zugpferd ist derzeit das Ensemble-Netzwerk. Es ist leider noch nicht der Deutsche Bühnenverein, der aber die Möglichkeit hätte, sich mit einzureihen. Er würde sich damit das historische Verdienst verschaffen, hier etwas geleistet zu haben. Auf dieses Signal warten wir noch. Es muss zunehmend auch die Kulturpolitik sein, die signalisieren muss, dass sie zu strukturellen Reformen an den Theatern bereit sind. Wir erhoffen uns auch eine stärkere Beteiligung jüngerer Intendanten. Wir haben ein tolles Signal gekriegt von Florian Fiedler, der in Oberhausen Intendant wird. Der hat die Mindestgage raufgesetzt, der Kollege in Heilbronn hat da sofort nachgezogen und auch die Kammerspiele in München. Das sind vorbildliche Reaktionen und ich kann nur hoffen, dass ganz viele Theater dem folgen werden.

Bochum hat angekündigt, die Samstagsproben zu streichen.
Genau, das ist auch ein Weg. Dann könnte man sich überlegen, ob man auf maximal vier Neuproduktionen pro Jahr für jeden Schauspieler geht, damit der Schauspieler eine freie Proben-Schicht pro Spielzeit hat und dadurch die Möglichkeit hat, sich zu regenerieren. Mit der Familie Zeit zu verbringen, Sozialleben wahrzunehmen, im Off-Theaterprojekt andere Erfahrungen zu machen oder sich einfach mit neuen Rollen zu beschäftigen, von denen man weiß, dass sie kommen, für die man aber nie genug Zeit hat, sie profund vorzubereiten.

Die Strukturprobleme liegen an den Theatern schon lange offen zutage, warum geht es mit der Reform nicht zügiger voran?
Ein Intendant ist jemand, der seine Machtinstrumente sehr gut beherrscht, sonst wäre er nicht dort, wo er hin will – an die Spitze des Theaters. Ensemblemitglieder nicht zu verlängern ist ein Instrument der Macht, oder jemandem eine Gehalterserhöhung zu geben oder nicht. Eine Form, mit dieser Macht zu spielen ist es, diese anstehenden Reformen jetzt auszusitzen. Es ist 2017, es muss jetzt dringend weitergehen und es hindern uns die Strukturen. Es hindert uns der Selbstverwirklichungstrieb von einer Gruppe von gut zwei Dutzend Intendanten-Kollegen, die im Moment die Zepter in der Hand haben und den Schalter einfach umlegen könnten.

In welchem Zeitraum denken Sie Ihre Reform?
Ich würde einen Horizont von zwanzig Jahren für diese Reformen ansetzen und dann wird es immer noch Theater geben die General- oder Staatsintendanten haben. Was für archaische Namen im 21. Jahrhundert! (lacht) Ich glaube jedoch fest daran, dass die Reform kommen wird. Ich glaube auch, dass die Intendanten diejenigen sind, die sich daran verdient machen werden. Ich freue mich auf diese Zeit, in der wir viele Durchbrüche erleben werden. Wir haben sehr viel gute Resonanz, aus dem Schauspielerkontext, aus dem Wissenschaftskontext, auch aus dem Intendantenkontext.

Wie sieht das Theater der Zukunft aus?
Das Theater der Zukunft muss wieder stärker unser aller Theater werden, und ich freue mich darauf, dass wir es vielleicht schaffen, das Theater wieder dorthin zu rücken, wohin es gehört, nämlich in die Mitte der Gesellschaft. Also ein Ort einer ganz regen Auseinandersetzung zwischen den Gruppen und ein Vermittler zwischen unterschiedlichen Positionen und natürlich als ganz explizite künstlerische Einrichtung, die neue Stoffe, neue Formate, neue Ästhetiken und neue Stile entwickelt.

Bild: „Theater“ von perriscope unter CC BY SA 2.0

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