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Drama, please: „La Rondine“ an der Deutschen Oper

Rolando Villazón inszeniert Puccinis Spätwerk als opulentes 20er-Jahre-Spektakel. Dem ohnehin gefühligen Sujet der Oper steht das gut.

Eine manchmal durchaus wünschenswerte Coolness in Lebensdingen transportiert kaum einer so gut wie der „So einfach ist das!“-Mann. Für die Comic-Figur, die der deutsche Cartoonist Leonard Riegel erfunden hat, besteht der ganze Alltag aus Prämisse und Konklusion („Wer Geld will, muss arbeiten gehen – So einfach ist das!“) und keine noch so fragwürdige Entscheidung scheint dem passionierten Pragmatiker Kopfzerbrechen zu bereiten („Wer über Schlaglöcher fährt, bekommt kein Trinkgeld – So einfach ist das!“). Dass es aber oft so ganz und gar nicht einfach ist, haben wir Figuren des echten Lebens vor allem der Tatsache zu verdanken, dass wir keine emotionslosen Geschöpfe sind. Wir lieben nicht eine(n), sondern zwei oder drei – So schwierig ist das. Die ganze Liebelei verlangt uns Entscheidungen ab. Einsam in Berlin oder zu zweit in Castrop-Rauxel? Reichtum und zwei Kinder oder Romantik und ne Kunstkarriere?

Es handelt sich hier um eine grundlegende und vielverarbeitete Tragik des menschlichen Schicksals, die wohl in keiner Kunstform so leidenschaftlich pompös zum Ausdruck gebracht wird wie in der Oper. Die überbordenden Gefühlswelten und größtenteils weichgewaschenen Texte sind es wiederum, die der Oper ein im ursprünglich-negativen Wortsinn kitschiges und angestaubtes Image verleihen. Dieses Image wird dann durch andere Handlungselemente bestärkt, vielleicht wie in älteren Verdi-Werken, in denen es um durch religiöses Regelwerk definierte Schuld- und Sündenfälle geht; oder zumindest der ganze aufrührerische Gehalt darin besteht, dass gesellschaftliche Hierarchien zu Gunsten der Liebe heimlich hintergangen werden.

Die Flatterhaftigkeit der Frauen als Sinnbild für die Freiheit

Giacomo Puccinis „La Rondine“ ist anders. Der Kitsch kommt hier keineswegs zu kurz, aber durch die für den Anfang des 20. Jahrhunderts (die Uraufführung war 1917) geradezu futuristisch weil feministisch anmutende Handlung verwandelt er sich in eine so knallig-bunte Form von Weltschmerz, dass selbst die 24-jährige Besucherin der Deutschen Oper in Berlin sich alsbald seufzend ans Herz fassen muss. Natürlich ist an dieser Transformation auch die Inszenierung durch den Regisseur Rolando Villazón beteiligt, aber darauf sei später eingegangen.

„La Rondine“ spielt im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts und erzählt von den Gefühlswallungen der Protagonistin Magda, die sich in einer Vernunftehe mit dem Bankier Rambaldo befindet, bald darauf aber dem mittellosen Charmeur Ruggero verfällt und sich am Ende gegen jegliche bürgerliche Konvention im Sinne einer Einkastelung der Liebe entscheidet. Magda, la rondine (zu deutsch: „die Schwalbe“), wird dem großen Klischee gerecht, das man jedem Federvieh nachsagt, und mimt eine Ikone der Freiheit. Die auf den ersten Blick dünne und sehr überschaubare Handlung wirkt wie ein Stilmittel, wenn man bedenkt, wie ungeniert hier der totalen Entscheidungsfreiheit der Frau als solcher gehuldigt wird (auch wenn diese Freiheit sie sehr egoistisch handeln lässt). Die Komplexität liegt in der Metaebene, in den folgeträchtigen Entschlüssen, die Magda trifft und der Art und Weise, wie sie ihre ganze Umwelt beeinflussen, ohne dass darauf besonders hingewiesen wird. In jeder Hinsicht ist es also eine Oper der Gefühle.

Neben der Hauptfigur Magda gibt es eine zweite sehr eigensinnige Frau: ihre Kammerzofe Lisette, die sich heimlich mit den Kleidern ihrer Herrin schmückt und zwischenzeitlich mit dem Dichter Prunier durchbrennt, um eine Karriere als Sängerin einzuschlagen. Weil diese nicht gelingt, kehrt sie schließlich zu Magda zurück. Lisette ist die leichtfüßige, mädchenhafte Version von Magda, und in ihrer Kindlichkeit strahlt sie alle Freiheit aus, um die Magda so zu ringen scheint.

Ein zitatreiches Bühnenstück mit Filmelementen

Es ist die vierte Opern-Inszenierung des mexikanisch-französischen Startenors Rolando Villazón. Es ist ein nach allen Regeln des Kitsches perfekt umgesetztes Spektakel für Auge und Ohr. Den Zuschauer, der von anderen modernen Opern-Inszenierungen ein zur Kargheit neigendes Bühnenbild gewohnt ist, bestrahlt Villazóns „La Rondine“ mit einer prunkvollen, sich ständig organisch zum Geschehen verändernden Bühnenlandschaft, mit Chaiselongue, mit Sandstrand, mit Gummibaum. Mit Tizians „ruhender Venus“ in Übergröße. Mit aufwändigen Kostümen, die auch noch ständig wechseln. Das Gesamtbild wird immer auch geprägt durch drei ominös im Hintergrund tänzelnde Männer, die Masken tragen, die stark an jene Teile erinnern, welche vor wenigen Jahren das Avantgarde-Modehaus Maison Martin Margiela seine Models tragen ließ, mit der Absicht, die Mode als reine Kunst zu zelebrieren. Um die Mode geht es bei Villazón zwar auch – zelebriert wird aber vor allem die starke Frau, vor der alle Männer ihr Gesicht verlieren.

Der Regisseur hat die Oper optisch in die Ära der 1920er Jahre versetzt, um die Geschichte für das Publikum greifbarer zu machen. Das wäre nicht nötig gewesen, ist in jedem Fall aber schön anzusehen, und spätestens nach dem weltweiten Kinohit „The Great Gatsby“ (2013) ist es kein Geheimnis mehr, dass der Look der „Goldenen Zwanziger“ knapp hundert Jahre später die romantischen Träume der Massen bebildert. Dieser ist übrigens nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen Oper und Film. Puccinis „La Rondine“ folgt nicht dem strikten Ablauf einer konventionellen Oper: Arie des Soprans, Duett, Terzett, Quartett, Concertato. Es mischen sich ständig kurze Phrasen und darunter auch manche, in denen der Text nicht gesungen, sondern gesprochen wird, und zwischendurch einige, in denen die Darsteller stumm Theater spielen. Dabei singt allen voran Cristina Pasaroiu (Magda) so eindringlich butterweich und schön, dass sie Gefahr läuft, selbst den rebellischsten Teenager dazu zu bringen, seine Nirvana-Sammlung zu verkaufen, um fortan klassischer Musik zu frönen. Bei diesem Sound ist es nämlich wirklich egal, dass „La Rondine“, wenn von Rosenblättern die Rede ist und von einem Leben, das nur noch aus den Küssen des Geliebten bestehen soll, lyrisch eher an Rosamunde Pilcher erinnert als an F. Scott Fitzgerald.

Die Kunstform Oper passt schlecht in eine Zeit, in der nach möglichst pragmatischen Lösungen gesucht wird, um bei der Kopulation jeder romantischen Nächstenliebe aus dem Weg zu gehen. „No Drama“, fordern Tinder-Profile, ein Statement, das seine beabsichtigte Wirkung verfehlt, weil es statt Lässigkeit eher Verbissenheit suggeriert und ein eindeutiges Problem mit der Komplexität der Welt. Und genau das bringt Villazón mit seiner maximal kitschigen „La Rondine“ auf den Punkt: Wenn alles gar nicht so einfach ist, ist es vielleicht umso schöner.

Foto: Bettina Stöß

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