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Shokos Reise ins Zauberland

Mit ihrem Solotheaterstück „A Samurai Grandma“ bereiste die japanische Künstlerin Shoko Ito in über 30 Jahren mehr als 56 Nationen. Ihr Leben ist eine Bestandsaufnahme des Phantastischen.

Shoko Ito erscheint immer mit einem Koffer. Es ist ein kleiner, signalroter Koffer, an den unteren Enden schon etwas in die Jahre gekommen, der auf viel zu kleinen Rollen hastig hinter ihr her rumpelt. Es scheint, als wolle er jeden Moment aus der vorgegebenen Spur fliegen und zu schweben beginnen. Mit ihm reist Ito an. Aus einer Welt, von der man nicht weiß, wo sie liegt und in die sie nach ihrem Auftritt wieder verschwindet.

Auch an diesem nasskalten Abend in Berlin-Mitte zieht die zierliche Gestalt ihren roten Koffer mühsam aber bestimmt über die Torstraße. Der Asphalt ist pfützenbedeckt. Ihre Schritte sind unendlich klein, dafür ebenso flink. Im Wasser spiegelt sich das gelbe Licht der Straßenlaternen, als schwämmen kleine Lichtwesen unter seiner Oberfläche. Ein wunderlicher Anblick. Aber vielleicht ist es Ito selbst, die in diesem Moment bemüht ist, die kleinen Lichtquellen sorgsam zu umfahren, durch die sich einem das Magische an einer so gewöhnlichen Straßenszene geradezu aufdrängt. Dieses Gefühl erweckt Itos Präsenz verdächtig oft. Das Phantastische färbt ab.

Dabei könnte man sie allein der Größe halber fast übersehen. Wäre da nicht die strahlend weiße Angoramütze, die schon von weitem auf kohlrabenschwarzem Untergrund durch die Abenddämmerung leuchtet, wie ein sich langsam nährender, hin und her wippender Fixstern. Dazu trägt sie einen kirschroten Mantel aus Filz. Die kleinen Füße sind in enge, schwarze Stiefel geschnürt und man fragt sich, ob Mary Poppins nicht doch Japanerin war.

„A Samurai Grandma“ erzählt von Liebe, vom Leben – und von Magie

„A Samurai Grandma“ heißt das Solo-Theaterstück, das die Schauspielerin, Malerin und Drehbuchautorin Shoko Ito an diesem Abend im „Club der Polnischen Versager“ aufführen wird. Ito spielt darin 15 unterschiedliche Charaktere. Sie wird Flugrollen schlagen, Kämpfe mit sich selbst austragen und mit den Zuschauern tanzen. Sie wird in schönster Japanischer Sprache – glücklicherweise mit englischen Untertiteln – von der Liebe erzählen, vom Leben, und natürlich: von der Magie. Vor allem aber wird sie eines tun. Sie wird lachen. Aus voller Kraft. Sie lacht dabei über sich selbst. Sie lacht vor Freude über das Leben. Sie lacht selbst dort noch, wo die meisten ihrer Zuschauer schon längst zu trauern beginnen.

Ito wurde in Omiya, einem kleinen Vorort von Tokio geboren und verbrachte hier ihre Jugend. Die Familie entstammt einem alten Samuraiorden, der Großvater war Bonsaimeister. In Tokio studierte Ito unter dem bekannten japanischen Künstler Matazo Kayama das sogenannte „Nyhonga“, die Malerei im klassischen japanischen Stil. Schaut man sich die Bilder ihres Meisters an, dessen Themen oft die Jahreszeiten, der Mond und die Kirschblüte sind, dann könnte man meinen, Ito und ihr roter Filzmantel seien aus einer dieser Landschaften einfach herausgefallen.

Zu spät ist es nie

Neben der Malerei studierte Ito modernen Tanz. Auch heute tanz die 55-Jährige noch. In ihrem HipHop-Kurs sind die meisten Teilnehmer 30 Jahre jünger als sie. Das macht Ito nichts aus. „It is never to late“, es ist nie zu spät, betont sie und lacht dabei. Dann erzählt sie die Geschichte ihrer Großmutter, die mit 80 Jahren noch Tanzlehrerin geworden sei. Für klassischen Geishatanz. Als Ito 20 Jahre alt war, schrieb sie das Skript zu ihrem Stück „A Samurai Grandma“. Nach zwei Jahren reich gefüllt mit Aufführungen in Japan, machte Ito sich auf, die Welt zu bereisen und ihre Geschichten zu sammeln. Bis heute hat sie mit ihrem Stück in über 30 Jahren mehr als 56 Länder bereist – und Geschichten für endlose Abende mit ebenso viel Sake in ihrem Koffer verstaut.

Wenn Ito von ihrem Leben erzählt, dann ziert ihr Gesicht zweierlei: In ernsten Gespräche umspielt ihre Augen und Mundwinkel das unbeschwerte Lachen desjenigen, der schon viel gesehen hat und der sich selbst deshalb nicht mehr allzu ernst nimmt. Sobald sie aber von ihren Abenteuern berichtet, offenbart sich ihr vielleicht charakteristischster Wesenszug: die rückhaltlose Begeisterung und die ansteckenden Neugier eines staunenden Kindes. „Always stay child“ sagt sie dann, mit einem verschwörerischen Grinsen. Bleib immer ein Kind. Diesen Satz wiederholen sie oft.

Der Angst vorm Tode trotzen

Es scheint wie ein Irrtum, wenn das Lachen Itos doch einmal gänzlich aus ihren Gesichtszügen verschwindet. Zum Beispiel dann, wenn sie von ihrer jüngeren Schwester spricht. Ito wird still. Ihre überschwänglichen, märchenhaften Schilderungen werden zum kurzen, nüchternen Faktenbericht. 1985 beging die Schwester mit 23 Jahren Selbstmord. Ein Sturz aus dem Fenster, nachdem sie ihren Arbeitsplatz verloren hatte. Der Freitod ist noch immer die häufigste Todesursache junger Menschen in den unbarmherzigen und auf Hochleistung getrimmten Großstädten Japans. Ito verarbeitet das Erlebnis in ihrem 2015 erschienenen Film: „Onna-Nobunaga – The Female Samurai“. Ob sie selbst Angst vor dem Tod habe? Nein, sagt Ito, die Stirn leicht gerunzelt. „We all die one day“, eines Tages, werden wir alle sterben. Deshalb müsse man jeden Tag genießen. Denn, fügt Ito an , während ihr Lächeln langsam seinen rechtmäßigen Platz in ihren Augen zurückerobert: „Life is beautiful and magic“ – Das Leben ist schön und voller Magie.

Gestern erhielt ich eine Email von Ito. In diesem Moment befinde sie sich in Neu Delhi. Letzte Woche sei sie in Kathmandu aufgetreten. Es war ein großer Erfolg! Außerdem habe sie letzte Woche dem König von Bhutan einen Bonsai ihres Großvaters überreicht. Als Zeichen Japanisch- Bhutanesischer Freundschaft. Man stellt sich die zierliche Ito vor, überragt vom doch sehr großgewachsenen König von Bhutan. Zwei, die nach Glück streben. In der einen Hand hält Ito dabei den Bonsai ihres Großvaters. In der anderen einen kleinen, roten Koffer.

Foto:  Shoko Ito

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