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"I don´t know a thing about acting"

Eine Stadt im Filmfieber: Vom 05. bis zum 15. Februar finden zum 59. Mal die Inter- nationalen Fimfestspiele in Berlin statt.

Über die Favoriten, die in das Rennen um den begehrten Goldenen Bären gehen, ist alltäglich in den Feuilletons zu lesen. Doch was ist sonst noch, außerhalb der Kinosäle, auf der Berlinale zu erleben? Als Hospitant geht es auf Spurensuche auf dem Berlinale Talent Campus, dem Forum für Nachwuchs-Filmschaffende aus aller Welt. Am Montag, den 09. Februar stattete Tilda Swinton, diesjährige Jury-Präsidentin, dem Campus einen Besuch ab.

Kampfschauplatz Berlinale

Wie weit ist es denn noch? Meine Güte, das Theater scheint ja riesig zu sein… Eine Treppe nach der anderen erklimmen wir auf dem Weg zu unserem Platz. Ich frage mich, auf den wievielten Rang wir „verfrachtet“ werden. Gespannt folgen wir unserer so genannten Platzanweiserin, eines der unzähligen fleißigen Bienchen, das auf der Berlinale für Recht und Ordnung sorgt, kontrolliert, dass jeder ordnungsgemäß ein Ticket hat, im Presseverteiler eingetragen ist oder eben bei Nicht-Erfüllung der Zugangsvoraussetzungen ein nett verpacktes, aber unmissverständliches „Draußen bleiben!“ entgegengebracht bekommt.

Diese Helferlein sehen immer wahnsinnig wichtig aus: hochkonzentriert gehen sie unzählige Listen durch, checken Namen, huschen durch die Menschenmengen und stehen ununterbrochen im Kontakt mit dem „Information Desk“ – zu blöd, dass es noch keine Mini-Laptops gibt, die auf einer Art Hologramm-Brille vor dem Auge flimmern. Ja, zugegeben, das wäre wohl tatsächlich ein bisschen zu viel, aber zumindest vorstellbar. Bitte nicht falsch verstehen – diese Menschen machen einen wichtigen Job, den ich an dieser Stelle einfach mal hervorheben möchte. Aus vertrauenswürdigen Quellen weiß ich, dass die Berlinale-Mitarbeiter wirklich viel aushalten müssen. Gerade die Kino-Türsteher, die so genannten Volunteers, müssen sich so manche Beleidigungen anhören, wenn sie dem Einem oder Anderen (meistens zu Recht!) den Zutritt zu Filmvorführungen verwehren. Das Kino 7 im Cinemaxx am Postdamer Platz gilt übrigens in internen Kreisen als „Kampfbude“. Soviel dazu.

Aber zurück zu unserem Aufstieg. Gefühlte zehn Stockwerke höher treffen wir auf einen solchen Volunteer, der uns, nachdem die Platzanweiserin ihm versichert hat, wir hätten die Berechtigung, die heiligen Hallen zu betreten, großzügig passieren lässt. Schon nicht schlecht, dieser Presse-Bonus. Frei nach dem Motto: „Lasst mich durch, ich bin Journalist!“ Wie wird das erst mit einem eigenen Presseausweis? Hach ja…das hat dann so was wie eine Polizeimarke. Achtung: wichtig! Wahnsinnig wichtig! Das ist dann nicht „the magic name“ (in Clubs übrigens eine weit verbreitete Möglichkeit, sich Zugang zu verschaffen, sofern man denn die „magic“ Leute an jenen Abenden kennt – vorzugsweise DJs, Clubbetreiber u. ä.), sondern „the magic ID“. Den kann man dann ganz galant aus der Hosentasche ziehen und lässig auf den „Information Desk“ schnippen. Ja gut, stimmt schon: So einfach ist das auch wieder nicht. Das „magic word“ heißt Akkreditierung. Und die zu bekommen, ist bekanntermaßen nicht ganz so einfach. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Und ja, eines Tages wird es diesen Moment geben! Seufz…

Talente Campus hautnah

Nun gut, jetzt aber zurück zur Dachkammer…pardon…zum obersten Rang des HAU 1. Als ich den Saal betrete, wird mir richtig schwindlig. Ist das steil! Ich kneife die Augen zusammen. Ist das die Bühne da unten? Muss wohl so sein. Ich komme mir vor wie in einem Anatomie-Saal. Während um mich herum immer mehr Talents in die Sitzreihen strömen, habe ich die Horrorüberlegung, wie niedrig doch die Brüstung ist und wie verdammt hoch wir hier sind und wie furchtbar es wäre, wenn hier jemand runterstürzen würde und wie das wäre, voll auf die anderen Menschen im Parkett rauf und – Stopp! Ich verwerfe den Gedanken und suche mir rasch ein Plätzchen. „Plätzchen“ trifft es gut, denn Klaustrophobiker hätten hier nicht ihren Spaß. In dieser Enge kommt man nicht drum herum, Gespräche der Sitznachbarn – unbeabsichtigt natürlich! – zu belauschen. Auf Englisch, gefärbt mit allen möglichen Akzenten, werden vor allem Gespräche über den gestrigen Abend geführt. Da der Satz „Oh, it was really fun!“ oft fällt, nehme ich an, hier werden nicht nur fleißig Talent Campus-Veranstaltungen besucht, sondern es wird auch ordentlich ausgegangen. Gut so! In Berlin werden die Bürgersteige schließlich nie hochgeklappt und wer sich nach dem ganztäglichen Film-Input auf sein muffiges Zehner-Bett-Hostelzimmer verkriecht und die legendären Berliner Nächte verpennt, der ist selbst schuld.

Lektionen eines angehenden Journalisten

Trotz des Stimmengemurmels ist eine deutliche Spannung spürbar. Ich bin auch schon ganz hibbelig. Ist das aufregend! Schließlich wird gleich die berühmte Tilda Swinton, Oscar-Preisträgerin und diesjährige Berlinale Jury-Präsidentin, die Bühne betreten. Puh, lässt man uns warten… Ich fische meine Kamera aus der Tasche und will einen Foto-Check machen. Ich male mir schon in Gedanken aus, wie ich das Bild später rumzeige: „Guck mal, die Tilda, live!“. Tja nur schade, dass ich von der Reling hier oben kein gescheites Bild machen kann, denn ich habe nun mal keine Spiegelreflex-Kamera mit Mega-Teleobjektiv. Der Zoom stößt alsbald an seine Grenzen, so dass von den zwei Stühlen auf der Bühne nur pixelige Schattierungen zu sehen sind. Bei Strandfotos ist sie aber echt super! Das hilft mir jetzt allerdings herzlich wenig. Dann also kein Foto. Während ich darüber nachdenke, ob ich mir eine solche Paparazzo-Kamera anschaffen sollte (brauche ich so etwas als angehender Journalist?), wird der Saal verdunkelt. Es geht los!

Das Publikum wird angeheizt

Als Einstieg wird ein Zusammenschnitt aus Tilda Swintons zahlreichen Filmrollen gezeigt, von ihrem Debüt 1986 in „Caravaggio“ über „Orlando“ (1992), „Die Chroniken von Narnia“ (2005), „Michael Clayton“(2007) bis zu ihrem neuesten Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ (2008), um nur einige zu nennen. Im Saal ist es muxmäuschenstill. Gebannt blicken die Zuschauer auf die Leinwand und staunen über all die unterschiedlichen Facetten, die die Ausnahme-Schauspielerin in einer Person vereint. Mal engelsgleich mit langen roten Haaren, mal mit eiskaltem Gesichtsausdruck als böse Hexe. Feminin-zart bis androgyn-herb. Als der Einspieler zu Ende ist und der Moderator im Halbdunkel auf die Bühne tritt, beginnt ein tosender Applaus. Frau Swinton aber lässt sich Zeit. Es ist wie bei früheren Gladiatorenkämpfen, als das Publikum kaum zu bremsen war und wild auf den Beginn der Kämpfe hinfieberte.

Eine Erscheinung wie von einem anderen Stern

Und da ist sie. Schlicht gekleidet, bequem, nicht aufreizend. Das kurze, rote Haar streng nach hinten gekämmt. Auch von der Entfernung ist gut erkennbar, dass sie nicht geschminkt ist oder Schmuck trägt. Das ist sowieso selten der Fall. Trotz der Schlichtheit hat Tilda Swinton eine unvergleiche Präsenz, die den Atem stocken lässt. Selbstsicher, aber nicht arrogant. Gefestigt im Auftreten, aber nicht kalt. Die Stimme ausgeprägt britisch, jedoch glasklar und deutlich, wie es nicht oft zu hören ist. Ob das auf die Ausbildung an Englands Eliteschulen zurückzuführen ist, die die Tochter eines Generalmajors und Nachkomme eines der ältesten schottischen Clans genossen hat? Von Echauffiertheit jedoch keine Spur. Immer wieder ist sie zu Scherzen aufgelegt, agiert mit dem Publikum und beantwortet geduldig jede noch so merkwürdige Frage (Haben Sie manchmal Albträume?).

Sie erzählt, wie sie zur Schauspielerei kam, dass sie mehr oder weniger reingerutscht ist über den befreundeten, mittlerweile verstorbenen Regisseur Derek Jarmann, den sie als „my home of filmmaking“ nennt. Gelassen bekennt sie, sie wisse eigentlich gar nichts über Schauspielerei, könne auch nicht sagen, was genau an Schauspielschulen gelehrt würde. Man glaubt es ihr sofort. Alles was sie tue, sei der Versuch, physisch so überzeugend wie möglich rüber zu kommen und sich weit zu differenzieren, sich also immer wieder in den Figuren zu entwickeln. So ist sie auch in der Lage, Rollen wie die der alkoholkranken Julia im gleichnamigen Film zu spielen. Da sie, wie sie sagt, selbst zu denen gehört, die auf einer Party nicht trinken, „aber immer so tun, als ob“ und letztendlich doch alle Anderen nach Hause fahren, hat sie eine ganz eigene Methode entwickelt, sich in die Rolle einzufühlen: Sie versucht nicht, etwas in sich selbst hineinzupacken (also die zerrissene Persönlichkeit einer Alkoholikerin), sondern ihre Persönlichkeit in die Figur zu integrieren – „Energy that´s real, not acted“. Mit einem Lachen ergänzt sie, dass das „Abhängen“ mit betrunkenen Leuten ebenfalls ganz nützlich ist, um sich auf die Figur der Julia vorzubereiten.

Mehr als Schauspielerei

Zwischendurch werden immer wieder explizite Filmausschnitte gezeigt, die sie kommentiert. In einer Szene sehen wir sie komplett nackt (aus „Orlando“), doch statt auch nur ein wenig beschämt zu sein – schließlich sitzen die Zuschauer nicht von ihren Fernsehern, sondern direkt vor ihr – geht sie wie selbstverständlich damit um. Professionell auf der ganzen Linie. Nicht nur die Schauspielerei liegt Tilda Swinton am Herzen. Auf die Frage, was ihre nächsten Projekte sind, antwortet sie, sie möchte innovative, unabhängige Kinderfilme fördern, jenseits von den großen Machern in diesem Feld, Disney und Pixar. Außerdem unterstützt sie ein Filmfestival in ihrer Heimat Schottland, das sogar expandieren und unter anderem in Peking Halt machen soll. Die eineinhalb Stunden mit Tilda Swinton vergehen wie im Flug. Während der Saal am Ende begeistert applaudiert, steht sie auf, verbeugt sich leicht und nickt dankend – dann ist sie auch schon wieder weg. Schade.

Geradezu verzaubert verweilen wir noch kurz auf unseren Sitzen. So eine Begegnung muss man wirken lassen wir den Abspann eines tollen Films. Langsam machen wir uns an den Abstieg, zurück auf den Boden der Tatsachen. Wir schweben am Türsteher-Mann vorbei und die Treppen herunter. Eine letzte Zigarette im unangenehm kalten Winterwind. Aber um´s Herz ist Einem ganz merkwürdig warm. Tilda Swinton – eine außergewöhnliche Frau und Schauspielerin, deren Leinwandpräsenz viel verspricht, das sie in der Realität auch einhält. Und sogar übertrifft, weil sie dort zu 100% Tilda ist.

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